Ein Fadenkreuz ist zunächst eine nüchterne Anweisung: Hier soll etwas exakt getroffen werden. Bei der Strahlentherapie markieren Linien auf der Haut die Stelle, an der die Bestrahlung ausgerichtet wird. Herlinde Koelbl nimmt diese Zeichen zum Ausgangspunkt einer fotografischen Arbeit, in der es nicht allein um eine Behandlung geht, sondern um Menschen, die mit einer Krankheit leben.
Am 8. November eröffnet im Kunstmuseum Bonn „Fadenkreuze für das Leben“. Die Ausstellung versammelt Porträts und Interviews von 40 an Krebs erkrankten Menschen. Dass Koelbl die Serie aus eigener Erfahrung entwickelt hat, verleiht dem Blick eine biografische Nähe: Die Fotografin erkrankte 2019/20 selbst an Krebs. Doch Nähe ist noch keine Antwort auf die Frage, wie viel von einem Körper und einer persönlichen Geschichte öffentlich werden soll.
Ein Zeichen mit zwei Bedeutungen
Die Markierungen der Strahlentherapie erinnerten Koelbl an ihr früheres Projekt „Targets“, in dem sie Schießziele und militärische Fadenkreuze fotografierte. Das Motiv trägt damit einen Gegensatz in sich: Dort verweist es auf das Zielen und Töten, hier auf eine präzise medizinische Behandlung, die dem Überleben dienen soll. Die Ausstellung stellt diese Bedeutungsverschiebung ins Zentrum, ohne dass die Krankheit selbst zur einzigen Erzählung werden muss.
Nach Angaben des Kunstmuseums führte Koelbl Gespräche mit Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft. Zu den Porträts kommen Gesprächsaufzeichnungen, in denen Erfahrungen mit Angst, Verlust, Hoffnung und veränderten Lebensperspektiven zur Sprache kommen. Das Format verbindet Fotografie und Zeugnis: Das Bild zeigt eine Person, das Gespräch lässt sie über die eigene Erfahrung sprechen. Wie die Texte im Raum angeordnet und wie ausführlich sie präsentiert werden, ist vorab nicht näher beschrieben.
Wer bestimmt den Blick?
Gerade bei Bildern von Krankheit ist diese Unterscheidung wichtig. Sichtbare Spuren können eine Erfahrung konkret machen; zugleich droht der Körper zum Belegstück einer Diagnose zu werden. Die Frage nach Selbstbestimmung stellt sich deshalb nicht nur vor der Kamera, sondern auch bei Auswahl, Bildausschnitt und Veröffentlichung: Was möchten die Porträtierten zeigen? Welche Teile ihrer Geschichte geben sie preis? Und wie bleibt sichtbar, dass niemand auf die Rolle des „Krebspatienten“ festgelegt ist?
Die Informationen zur Ausstellung geben Einblick in Koelbls Ausgangspunkt und die Themen der Gespräche, beantworten aber nicht im Detail, wie die Beteiligten an Bildauswahl und Präsentation mitgewirkt haben. Das sollte die Betrachtung nicht mit einer unterstellten Zustimmung verwechseln. Es markiert vielmehr eine offene Frage, die das Zusammenspiel von Porträt und Interview aufwirft: Wo liegt die Kontrolle über das eigene Bild, wenn eine persönliche Erfahrung öffentlich wird?
Koelbl arbeitet seit Langem mit fotografischen Porträts und längeren Befragungen. Bekannt wurde sie unter anderem mit der Langzeitstudie „Spuren der Macht“, die Veränderungen von Menschen in politischen Ämtern über Jahre dokumentierte. In Bonn richtet sich der Blick nun auf Körper, Behandlung und Lebensgeschichten. Die Ausstellung dürfte gerade dort interessant werden, wo das Bild nicht für sich allein stehen soll, sondern eine Stimme daneben tritt.
„Fadenkreuze für das Leben“ ist vom 8. November 2026 bis zum 16. Mai 2027 im Kunstmuseum Bonn zu sehen. Die Eröffnung beginnt am 8. November um 11.30 Uhr. Zwischen medizinischer Markierung und fotografischem Porträt setzt die Serie eine sensible Spannung: Krankheit sichtbar zu machen, ohne den Menschen darin verschwinden zu lassen.
Redaktionell geprüft · 6. November 2026


