BILDENDE KUNST · ESSAY

Wessen Körper steht im Museum?

Drei Ausstellungen in Wien, Basel und Düsseldorf rücken Körper zwischen Selbstbestimmung, Arbeit und gesellschaftlicher Ordnung ins Bild. Zusammen gelesen, zeigen sie: Sichtbarkeit ist noch keine Handlungsmacht.

Ein Museum zeigt Körper nicht einfach, es ordnet sie. Wer handelt, wer wird betrachtet, wessen Arbeit gilt als Arbeit – solche Fragen liegen in drei Ausstellungen, die sich im November in Wien, Basel und Düsseldorf berühren. Die Verbindung ist keine gemeinsame kuratorische Absicht, sondern eine Lesart: Zusammen machen die Schauen sichtbar, wie Körper gesellschaftliche Verhältnisse aufnehmen und ihnen zugleich widersprechen.

In Wien eröffnet „Feminist Futures Forever“ am Belvedere 21. Die Ausstellung blickt auf „Kunst mit Eigen-Sinn“ zurück, eine internationale Schau von Künstlerinnen, die 1985 am selben Ort stattfand. Sie bringt Positionen verschiedener Generationen und Medien zusammen; die Ausstellungsarchitektur von Dorit Margreiter Choy und Cosma Grosser soll den Museumsraum selbst als institutionelle Ordnung zur Diskussion stellen. Werke von Maria Lassnig, ORLAN, Marina Abramović und jüngeren Künstlerinnen stehen dabei nicht für eine einzige, geradlinige Geschichte des Feminismus. Gerade diese Vielstimmigkeit ist die Stärke des Ansatzes – und seine Herausforderung: Historische Unterschiede lassen sich nicht allein durch Nachbarschaft im Ausstellungsraum auflösen.

Arbeit, die den Körper formt

In Basel endet am 8. November „Labouring Bodies“ im Museum Tinguely. Hier wird der Körper nicht nur als Bild oder Ausdruck von Identität befragt, sondern als Arbeitskraft – beansprucht von Maschinen, Produktionsabläufen und unsichtbarer Sorgearbeit. Das erweitert eine Kunstgeschichte, die den industriellen Arbeiter oft als männliche Figur ins Zentrum stellte. Evelyn Richters Fotografien von Frauen in einer Spinnerei treffen auf Werke, die Hausarbeit, Reproduktion und neue Formen digitaler Arbeit thematisieren.

Ein prägnantes Beispiel ist Helen Chadwicks „In the Kitchen“ von 1977: Die Performance setzt den weiblichen Körper zu Küchengeräten in Beziehung und macht häusliche Routine als technische, wiederholte Arbeit lesbar. Die Ausstellung stellt damit eine produktive Gegenfrage zur verbreiteten Begeisterung für Mensch-Maschine-Verbindungen: Wer kontrolliert die Technik, und wessen Körper wird ihr angepasst? Doch auch der feministische Blick muss aufpassen, unterschiedliche Erfahrungen nicht unter einer einzigen Kategorie „weiblicher Arbeit“ zusammenzufassen. Die Ausstellung öffnet diese Perspektive durch Werke, die auch rassifizierte Körper und verschiedene historische Bedingungen der Arbeit in den Blick nehmen.

Körper als Modell, Körper als Macht

Ab 14. November zeigt die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen im Düsseldorfer K21 eine umfangreiche Schau von Thomas Schütte. Neben Skulpturen wie „Vater Staat“ und „Mutter Erde“ gibt es einen Überblick über seine Architekturmodelle. Schütte arbeitet mit Holz, Keramik, Bronze und weiteren Materialien; seine Modelle sind keine neutralen Miniaturen, sondern Vorschläge dazu, wie privater und öffentlicher Raum organisiert sein könnte. Die Kunstsammlung beschreibt sein Werk als kritische, oft ironische Auseinandersetzung mit Menschsein, Gesellschaft und Macht.

Hier verschiebt sich die Leitfrage: Nicht nur, welcher Körper sichtbar wird, sondern in welcher gebauten Ordnung er leben soll. Schüttes Figuren und Häuser lassen sich als Gegenbilder zu den Wiener und Basler Anliegen lesen – nicht, weil sie dieselbe feministische Perspektive verträten, sondern weil sie Macht und Zusammenleben über Körper und Raum verhandeln. Eine solche Verbindung darf Unterschiede nicht einebnen: Die feministische Kritik an Ausschluss und die modellhafte Gesellschaftsbetrachtung eines einzelnen Künstlers sind keine gleichartigen Positionen.

Was also steht im Museum? Kein Körper außerhalb seiner Bedingungen. In Wien wird die Institution selbst zum Schauplatz feministischer Erinnerung; Basel verfolgt, wie Arbeit Körper diszipliniert und Fürsorge unsichtbar macht; Düsseldorf fragt, welche Räume und Ordnungen wir entwerfen. Zusammen gelesen, verschieben die drei Ausstellungen den Blick vom bloßen Dargestelltwerden zur Frage, wer handeln, arbeiten und Raum beanspruchen darf. Sichtbarkeit ist dabei ein Anfang – aber noch keine Antwort auf die Verteilung von Macht.

Redaktionell geprüft · 4. November 2026

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