Eine Leitung Tanz wird nicht allein daran zu messen sein, welche Choreografien sie nach Freiburg holt. Auch die Wege ins Haus, die Bedingungen der Proben und die Frage, wer im Publikum selbstverständlich mitgedacht wird, gehören zur künstlerischen Arbeit. Anna Mülter, die nach einer Meldung vom 4. November 2026 die Tanzsparte des Theater Freiburg übernehmen soll, bringt für diese Fragen Erfahrungen aus der Festivalleitung mit. Wann sie ihr neues Amt antritt, ist bislang nicht bekannt.
Bei der Berufung steht Barrierefreiheit ausdrücklich im Zentrum. Mülter beschreibt Tanz als Kunstform, die unterschiedliche körperliche und sinnliche Erfahrungen sichtbar machen kann. Das ist zunächst ein programmatischer Anspruch, kein Beleg dafür, wie sich die Freiburger Sparte konkret verändern wird. Gerade darin liegt die Aufgabe einer Leitung: Haltung in Entscheidungen über Personal, Produktion, Räume, Zeit und Geld zu übersetzen.
Zugänglichkeit beginnt vor dem Vorstellungsabend
Von 2014 bis 2020 arbeitete Mülter nach den verfügbaren biografischen Angaben als Tanzkuratorin an den Sophiensælen und verantwortete die Tanztage Berlin. Anschließend leitete sie von 2020 bis 2026 das Festival Theaterformen, das abwechselnd in Hannover und Braunschweig stattfindet. Ihre Arbeit bewegt sich damit zwischen Tanz, internationalen performativen Künsten und einer kuratorischen Praxis, die den Stadtraum mitdenkt.
Am Festival Theaterformen wurde Zugänglichkeit nicht nur als Zugang zum Zuschauerraum behandelt. Die veröffentlichten Angebote umfassten unter anderem alternative Sitzmöglichkeiten, Relaxed Performances, Audiodeskriptionen mit Tastführungen und Verdolmetschungen. Das Festival selbst hält zugleich fest, dass es nicht alle Bedarfe abdecken kann und der Prozess weitergeht. Diese Einschränkung ist wichtig: Barrierefreiheit ist kein Gütesiegel, das ein Haus einmal erwirbt, sondern Arbeit an konkreten Hindernissen – und daran, welche Perspektiven im Programm Platz erhalten.
Mülter hat in einem Interview mit dem Fachmagazin „Theater der Zeit“ auch die Spannung zwischen gemeinsamer Live-Erfahrung und digitalen Zugängen beschrieben. Ein digitales Angebot könne für Menschen, die wegen einer Behinderung oder chronischen Erkrankung schwer ins Theater kommen, entscheidend sein; zugleich brauche es Ressourcen und müsse zur jeweiligen Arbeit passen. Die Frage ist also nicht, ein Format durch ein anderes zu ersetzen. Sie lautet, wem eine bestimmte Produktions- und Aufführungspraxis den Zugang erleichtert oder erschwert.
Vom Festival zum Stadttheater
Ein Festival kann für begrenzte Zeit ungewöhnliche Orte bespielen und einen konzentrierten Schwerpunkt setzen. Ein Stadttheater muss Zugänglichkeit dagegen in den wiederkehrenden Betrieb einbauen: von der Kommunikation und Kartenvergabe über Probenbedingungen bis zur Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern. Mülters Freiburger Aufgabe wird deshalb nicht einfach sein, Festivalmodelle zu übertragen. Entscheidend dürfte sein, welche Strukturen ein Ensemble und ein Haus dauerhaft tragen können.
Ihre Festivalarbeit zeigt eine weitere Leitlinie: Kunst nicht allein für ein bereits eingeübtes Theaterpublikum zu kuratieren. Im Gespräch mit nachtkritik betonte Mülter, dass ein Stück kein Vorwissen voraussetzen solle und unterschiedliche Menschen jeweils eigene Zugänge finden können. Zugleich verband sie Festivalarbeit mit der Stadt und ihren politischen Aushandlungen. Diese Haltung verändert den Blick auf Vermittlung: Das Publikum ist nicht bloß Empfänger eines fertigen Programms, sondern Teil der Frage, für wen ein Theater da ist.
Wie solche Prinzipien in Freiburg Gestalt annehmen, ist bislang offen. Die Berufungsmeldung nennt internationale Vernetzung, lokale Verankerung, Gastspiele, Koproduktionen und interdisziplinäre Formate. Konkrete Produktionen oder Maßnahmen sind damit noch nicht beschrieben. Eine Leitung kann Barrieren nicht allein durch gute Absichten abbauen; sie braucht Zuständigkeiten, verlässliche Mittel und die Bereitschaft, Routinen zu verändern. Mülters bisherige Arbeit liefert dafür Erfahrungen, aber keine fertige Blaupause. Die eigentliche Probe beginnt, wenn aus dem Anspruch Entscheidungen im Alltag des Hauses werden.
Redaktionell geprüft · 6. November 2026


