MUSIK · VORSCHAU

Musik vor dem Arbeitstag: Wem gehören die Konzertzeiten?

Am 10. November beginnt das Sonnenaufgangskonzert der Montforter Zwischentöne um sieben Uhr im Atrium des Montforthauses. Das ungewöhnliche Format öffnet den Konzerttag – und wirft eine alte Zugangsfrage neu auf: Wer kann sich die passende Uhrzeit leisten?

Sieben Uhr morgens: Für manche ist das der Beginn eines Arbeitstags, für andere die Zeit zwischen Nachtschicht und Schlaf, Schulweg und Kinderbetreuung. Am 10. November laden die Montforter Zwischentöne in Feldkirch zu einem Sonnenaufgangskonzert ins Atrium des Montforthauses. Musik, Lesung und Bewegung sollen den Tag eröffnen. Der frühe Termin ist mehr als eine hübsche Abweichung vom üblichen Konzertabend: Er macht sichtbar, wie stark Kultur davon abhängt, wann sie stattfindet.

Das Festival läuft vom 9. bis 30. November und stellt seine Ausgabe unter das Motto „und jetzt!?“. Das Morgenformat beginnt nicht mit einem konventionellen Konzertprogramm allein. Das Publikum kann sich nach Angaben der Veranstalter entweder auf Bewegungsimpulse von Carolina Fink einlassen oder den Klängen von Carles Muñoz Camarero und ausgewählten Texten folgen. Der Musiker bringt Cello, schwedische Nyckelharpa und Gesang mit; Zoe Hutmacher übernimmt Sprache und Schauspiel. Anschließend ist ein gemeinsames Frühstück mit Kaffee und Croissants angekündigt.

Eine Uhrzeit ist eine Einladung – und eine Grenze

Die Idee hat einen Reiz: Musik nicht als Abendtermin nach einem langen Tag, sondern als bewussten Auftakt erleben. Das Festival verweist auf den Blick von der Dachgalerie, von der aus im November zwischen sieben und acht Uhr die Sonne über Schattenburg und Altstadt aufgeht. Im Atrium verbindet sich das Konzert so mit einer konkreten Tageszeit und einem Ort.

Doch ein früher Anfang ist nicht automatisch ein zugänglicher Anfang. Wer um sieben teilnehmen möchte, muss rechtzeitig in Feldkirch sein. Für Menschen mit frühem Dienstbeginn, wechselnden Schichten, Sorgearbeit oder längerer Anfahrt kann genau das die entscheidende Hürde sein. Statistik Austria hält in ihrer Erhebung zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie fest, dass Arbeitszeiten und Betreuungspflichten je nach Beruf und Branche unterschiedlich gut zusammenpassen. Das sagt nichts über das Publikum dieses Konzerts aus, erinnert aber daran: Freizeit ist nicht gleichmäßig verfügbar.

Auch ein Abendtermin ist keine neutrale Lösung. Er kann mit Betreuung, Schichtarbeit oder dem letzten Zug kollidieren. Konzertzeiten verteilen Zugang nicht einfach zwischen „früh“ und „spät“; sie bevorzugen jeweils Menschen, deren Alltag sich mit dem Angebot vereinbaren lässt. Die Frage „Wem gehören die Konzertzeiten?“ zielt daher weniger auf eine ideale Uhr als auf Vielfalt: Gibt es mehrere Gelegenheiten, verschiedene Dauer und Orte – und Informationen, die eine Teilnahme planbar machen?

Generationen treffen – unter verschiedenen Bedingungen

Die Zwischentöne setzen nicht allein auf das Morgenpublikum. Am 22. November steht im Montforthaus „Hey, hey, hey, Taxi!“ auf dem Programm, eine Kinderoper nach dem Buch von Saša Stanišić. Die Festivalübersicht beschreibt sie als Auftragskomposition. Eine solche Veranstaltung spricht Kinder und Begleitpersonen an, aber auch hier hängt die Teilnahme von praktischen Bedingungen ab: Beginn, Anreise, Ticket und die Möglichkeit, gemeinsam Zeit freizuhalten.

Das Sonnenaufgangskonzert wiederum ist ausdrücklich als Wahl zwischen Bewegung und ruhigem Zuhören angelegt. Diese Offenheit kann unterschiedliche Zugänge schaffen, ersetzt aber keine Angaben darüber, wie barrierefrei der Ort ist oder wer tatsächlich kommen kann. Dazu liegen in den geprüften Programminformationen keine näheren Daten vor. Eine Vorschau kann deshalb das Konzept beschreiben, nicht seine Wirkung vorwegnehmen.

Vielleicht liegt gerade darin der Wert des frühen Termins: Er verschiebt die gewohnte Konzertordnung und lädt dazu ein, über deren Voraussetzungen nachzudenken. Die Musik beginnt um sieben. Ob der Tag damit für mehr Menschen kulturell beginnt, entscheidet sich nicht nur am Programm, sondern auch daran, wie viele Wege in den Saal führen – und wie viele Lebensrhythmen darin Platz finden.

Redaktionell geprüft · 6. November 2026

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