Am 7. November öffnet sich auf der Kleinen Bühne des Theater Basel ein Internat, in dem Nähe und Strenge kaum auseinanderzuhalten sind. Anne Haug inszeniert Fleur Jaeggys „Die seligen Jahre der Züchtigung“ mit Elmira Bahrami, Dominic Hartmann und Bärbel Schwarz; Luzius Schuler komponiert und spielt live. Die deutschsprachige Erstaufführung nimmt einen kurzen, spröden Prosatext zum Ausgangspunkt – und stellt eine Theaterfrage: Wie wird eine Stimme sichtbar, die ihre Gefühle eher umkreist, als sie auszusprechen?
Der Roman führt in ein Mädcheninternat im Appenzell. Gehorsam und Rituale ordnen den Alltag; die namenlose Erzählerin richtet ihre Aufmerksamkeit auf Frédérique, eine neue Mitschülerin, die zugleich anzieht und auf Abstand bleibt. Als Frédérique verschwindet, wird aus der Begegnung eine Leerstelle, die das spätere Erinnern prägt. Das ist keine Coming-of-Age-Geschichte, die ihre Erfahrungen nachträglich glatt erklärt. Jaeggys Prosa hält sie in einer kontrollierten, beinahe unnahbaren Schwebe.
Die Kälte zwischen den Sätzen
Gerade darin liegt die Herausforderung der Bühnenfassung. Ein Roman kann Gedanken und Rückblicke ineinander schieben, ohne die Erzählerin aus ihrer Einsamkeit zu lösen. Auf der Bühne müssen solche Bewegungen eine Form bekommen: durch Sprache, Körper, Rhythmus, Raum – oder durch das, was unausgesprochen bleibt. Wird die Erinnerung als Bericht gesprochen? Verteilt die Inszenierung die Stimme auf mehrere Figuren? Und wie lässt sich eine Beziehung zeigen, deren Spannung wesentlich aus Unerreichbarkeit entsteht?
Das sind offene Fragen, keine Beschreibung bereits gesehener Szenen. Das Theater Basel nennt Moïra Gilliéron für Bühne und Kostüme, Stefan Erny für das Lichtdesign und Schuler für die Komposition. Welche konkreten Entscheidungen sie und Haug treffen, wird erst die Aufführung zeigen. Die Besetzung mit drei Darsteller:innen eröffnet jedenfalls die Möglichkeit, dass Figuren, Erinnerung und Gegenwart nicht schlicht eins zu eins aufeinanderfallen müssen.
Disziplin als Verlockung
Jaeggys Internat ist mehr als ein abgeschlossener Schauplatz. Seine Ordnung gibt dem Alltag eine feste Form – und gewinnt dadurch eine verstörende Anziehungskraft. Die Erzählerin sucht Nähe und Anerkennung, verfällt aber zugleich dem Reiz jener Disziplin, die sie umgibt. Das Begehren richtet sich nicht auf eine unkomplizierte Freundschaft: Frédérique bleibt fremd, und gerade diese Distanz bindet die Erzählerin an sie.
Der 1989 auf Italienisch erschienene Text kam 1996 in deutscher Übersetzung von Barbara Schaden heraus. Seine Kürze und die konsequent begrenzte Perspektive machen ihn zu einem prägnanten, aber keineswegs einfachen Material für eine Adaption. Eine Bühnenfassung muss nicht jede Station der Handlung nacherzählen. Interessanter ist, wie sie das Verhältnis von Blick und Gegenblick organisiert: Wer darf sprechen, wer wird betrachtet, und wie verändert sich die Erinnerung, wenn sie einen Raum und mehrere Körper erhält?
Eine Erinnerung ohne Auflösung
Haug kehrt mit der Arbeit nach „Mars“ von Fritz Zorn zu einem Schweizer Stoff zurück; die Spielzeitankündigung des Hauses beschreibt den Abend als Kammerspiel zwischen Disziplin und Freundschaft. Das verspricht eine konzentrierte Form, sagt aber noch nicht, wie der Abend tatsächlich wirkt. Auch die Einordnung der Internatszeit ist nicht einheitlich: Die Theaterseite nennt die 1950er-, das Saisonprogramm die 1960er-Jahre. Sicher ist der Kernkonflikt: Eine Jugendliche erinnert sich an eine Bindung, deren Macht aus Nähe und Entzug zugleich entsteht.
Auf der Bühne wird entscheidend sein, ob aus dieser Erinnerung eine Erklärung oder eine Erfahrung des Nicht-Auflösbaren wird. Jaeggys Sprache bietet keinen einfachen Schlüssel zu den Figuren. Ihre Kühle ist nicht Gefühllosigkeit, sondern eine Form, das Gefühl auf Distanz zu halten. Die Premiere kann zeigen, welche Mittel das Theater findet, um diese Distanz nicht bloß zu illustrieren, sondern zwischen Stimme, Körper und Raum spürbar werden zu lassen.
Redaktionell geprüft · 6. November 2026


