BILDENDE KUNST · HINTERGRUND

Welche Welt sammelte der Museumsgründer?

Karl Ernst Osthaus sammelte nicht nur moderne europäische Kunst. Seine frühe Beschäftigung mit islamischen Künsten wirft Fragen nach Blick, Ordnung und Erwerbung auf. Eine Ausstellung im Museum Folkwang nimmt diesen bislang wenig sichtbaren Teil der Sammlung in den Blick.

Karl Ernst Osthaus begann 1898, Kunsthandwerk aus Nordafrika und Westasien zusammenzutragen – noch bevor Renoir und van Gogh zu den Namen wurden, mit denen die Folkwang-Sammlung später weithin verbunden war. Zwei Reisen um die Jahrhundertwende, darunter Aufenthalte im Osmanischen Reich, lenkten seinen Blick auf islamisch geprägte Kunst. Was er sammelte, war nicht bloß ein Seitenkapitel seiner Moderne-Begeisterung: Es gehörte zu einem Museumskonzept, das Kunst, Gestaltung und Alltag zusammendenken wollte.

Die Ausstellung „NACH DAMASKUS … Karl Ernst Osthaus und die islamischen Künste“ stellt diesen Bestand vom 6. November 2026 an im Museum Folkwang vor. Rund 300 Objekte – darunter Keramik, Textilien, Metall- und Glasarbeiten – sollen die Sammlung und ihre Wirkung sichtbar machen. Zugleich führt der Blick auf eine Frage, die über Osthaus hinausweist: Wer ordnete die Kunst der Welt, nach welchen Maßstäben – und was lässt sich über die Wege der einzelnen Dinge tatsächlich belegen?

Sammeln als Reformidee

Osthaus, 1874 in Hagen geboren und durch ein ererbtes Vermögen finanziell unabhängig, gründete dort das Folkwang-Museum. 1902 öffnete es seine Türen. Sein Sammeln setzte jedoch früher ein und war breiter angelegt als eine Geschichte der europäischen Avantgarde vermuten lässt. Das Museum Folkwang datiert erste Ankäufe islamischer Kunst auf 1898. Um 1900 erweiterte Osthaus seine Interessen auf Ostasien, die Antike und das europäische Kunstgewerbe.

Diese Zusammenstellung war programmatisch. Die Objekte sollten nicht nur betrachtet werden; sie sollten Künstlerinnen und Künstlern sowie dem regionalen Gewerbe Anregungen und Qualitätsmaßstäbe geben. Das Museum beschreibt Osthaus’ Absicht als Verbindung von bildender und angewandter Kunst. Damit gerieten historische Gegenstände aus unterschiedlichen Regionen in einen gemeinsamen Zusammenhang mit der zeitgenössischen Gestaltung – eine Anordnung, die damals als produktiver Austausch gedacht war und heute auch nach den Machtverhältnissen hinter solchen Kategorien fragen lässt.

Eine Abteilung, viele Geschichten

Im Lauf der Jahre entstand in Hagen eine sogenannte „Islamische Abteilung“. Ihre Bestände wurden nicht sämtlich von Osthaus allein aufgebaut: Auch nachfolgende Museumsleiter ergänzten die Sammlung, in Essen kamen weitere Erwerbungen hinzu. 1922 gelangte der Großteil der Folkwang-Sammlungen nach dem Tod des Gründers durch Verkauf an die Stadt Essen; dort wurde die Sammlung mit dem städtischen Kunstmuseum vereinigt. Der Name Folkwang und die Institution zogen mit um, während die Geschichte des Hagener Museums Teil der heutigen Sammlungsgeschichte blieb.

Die neue Ausstellung greift nach Angaben des Museums auch auf frühere Folkwang-Bestände zurück, die heute andernorts verwahrt werden. Genannt werden etwa ein Teil des sogenannten Damaskuszimmers, das heute in Dresden liegt, und eine Abschrift des persischen „Šāhnāma“, des „Buchs der Könige“, aus dem 17. Jahrhundert, die nach Berlin gelangte. Solche Verweise machen sichtbar, dass eine Sammlung keine unveränderliche Einheit ist: Werke wechseln den Ort, Abteilungen verlieren ihren Zusammenhang, und spätere Museen setzen andere Schwerpunkte.

Herkunft ist nicht gleich Urteil

Bei der Frage nach den Erwerbungswegen ist Genauigkeit nötig. Das Museum sagt, Osthaus habe die Objekte auf Reisen zusammengetragen; daraus folgt nicht, dass für jedes einzelne Stück Verkäufer, frühere Besitzer, Zeitpunkt und Umstände des Erwerbs vollständig bekannt wären. In den öffentlich zugänglichen Informationen zur Ausstellung findet sich kein durchgängiger Nachweis solcher Objektbiografien. Eine offene Provenienz – die dokumentierte Geschichte von Besitz und Ortswechseln – ist für sich genommen kein Beleg für unrechtmäßigen Erwerb. Sie markiert zunächst eine Wissenslücke, die weitere Forschung verlangen kann.

Auch „islamische Kunst“ ist keine zeitlose, einheitliche Herkunftsbezeichnung. Sie fasst Werke aus verschiedenen Regionen, Zeiten und Werkstatttraditionen unter einem kunsthistorischen Oberbegriff zusammen. Das Folkwang kündigt an, die historische Perspektive durch zeitgenössische Positionen aus der Region Südwestasien und Nordafrika sowie durch eigens beauftragte Arbeiten zu erweitern. Damit kann die Ausstellung nicht nur den Sammler und seine Ordnung zeigen, sondern auch deren Grenzen: Was wird sichtbar, wenn Gegenwart und Herkunft nicht bloß als Ergänzung einer europäischen Sammlung erscheinen?

Das Museum berichtet, es erschließe den Bestand der früheren Abteilung seit 2019 wissenschaftlich; Restaurierung und Konservierung gehörten ebenfalls zur Vorbereitung. Wie weit sich für einzelne Objekte konkrete Wege rekonstruieren lassen, bleibt damit eine Frage, die sich erst an den jeweiligen Dokumentationen beantworten lässt. Der Wert der Ausstellung dürfte gerade darin liegen, den Bestand nicht als exotische Vorstufe zur Moderne zu behandeln, sondern seine Geschichte, seine Wirkung und die offenen Fragen zusammen zu betrachten.

Redaktionell geprüft · 26. Oktober 2026

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