129 Zentimeter hoch ist das Fragment einer Vase aus Sevilla, das das Museum Folkwang für seine kommende Ausstellung ankündigt: glasierte Irdenware, deren Reliefdekor mit Stempeln geprägt wurde, entstanden zwischen der zweiten Hälfte des 12. und der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Schon dieses Gefäß verschiebt den Maßstab. Hier geht es nicht um eine dekorative Fußnote zur Malerei, sondern um einen eigenen künstlerischen Kosmos.
„Nach Damaskus … Karl Ernst Osthaus und die islamischen Künste“ wird vom 6. November 2026 bis 21. Februar 2027 im Museum Folkwang in Essen zu sehen sein. Rund 340 Objekte sind angekündigt. Der Anlass reicht über die Wiederentdeckung eines Bestands hinaus: Welche Welt machte der Museumsgründer sichtbar, indem er Dinge auswählte, zusammenbrachte und zu Kunst erklärte?
Vor der Moderne, für die Moderne
Die ersten Ankäufe islamischer Kunst datiert das Museum auf 1898. Sie gingen dem Erwerb der heute so berühmten Gemälde von Renoir und van Gogh voraus. Das Werkbundarchiv – Museum der Dinge beschreibt Osthaus’ frühes Interesse an Kunstgewerbe aus Marokko, Tunesien und der Türkei. Im 1902 eröffneten Hagener Folkwang trafen solche Erwerbungen auf moderne Kunst und naturkundliche Bestände.
Osthaus selbst erzählte diesen Weg als Veränderung seines Sehens. In seinem autobiografischen Lebenslauf schildert er, wie aus naturwissenschaftlichen Reiseinteressen eine Beschäftigung mit Kunst und Architektur wurde. Nach der Rückkehr habe ihm selbst der eigene, bereits begonnene Museumsbau nicht mehr genügt. Eine aufschlussreiche Selbstdeutung: Die Begegnnung mit anderen Kulturen erscheint darin als Antrieb, die heimische Gestaltung zu erneuern.
Nach Darstellung des Folkwang sollten die gesammelten Dinge nicht allein Künstler anregen. Auch Silberhandwerk, Textil- und Keramikindustrie der Region sollten an ihnen lernen. Osthaus sammelte demnach keine neutrale Übersicht einer Weltregion. Er suchte zugleich Maßstäbe für eine andere Gegenwart zu Hause.
Wer ordnet die Welt?
Darin liegt die produktive Spannung dieser Vorschau. Kunsthandwerk als ebenbürtig wahrzunehmen, konnte Grenzen des europäischen Kunstbegriffs lockern. Es als Vorbild für die eigene Industrie auszuwählen, band es aber an europäische Bedürfnisse. Gefragt werden muss deshalb nicht nur, welche Formen Osthaus begeisterten, sondern auch, welche Kenntnisse über Herstellung, Gebrauch und Bedeutung mitreisten.
Selbst die offene Präsentation über Gattungsgrenzen hinweg besitzt eine nüchterne Vorgeschichte. Laut Museum wurden Kunstgewerbe und Bildkunst in Hagen zunächst auch aus finanziellen Gründen gemeinsam gezeigt; erst danach wurde daraus ein Kennzeichen des Hauses. Die große Museumsidee hatte also ebenfalls praktische Voraussetzungen. Gerade solche Details könnten die Gründererzählung interessanter machen als eine bloße Würdigung seines Weitblicks.
Auch die historische Bezeichnung „Islamische Abteilung“ verdient Aufmerksamkeit. Welche Unterschiede zwischen Regionen, Jahrhunderten, religiösem und weltlichem Gebrauch konnte diese Ordnung erfassen, welche verdeckte sie? Ein gemeinsamer Sammlungstitel erklärt noch nicht die Beziehungen zwischen den Dingen.
Herkunft statt bloßer Anregung
Das Folkwang kündigt eine umfassende wissenschaftliche Bearbeitung und Restaurierung an. Für ein Pilotprojekt zur Provenienzforschung seien zudem rund 2.000 Seiten historischen Materials gesichtet worden. Entscheidend wird sein, welche konkreten Wege der Objekte dadurch nachvollziehbar werden: über Händler, frühere Eigentümer und Erwerbungsumstände. Die Menge gesichteter Akten allein beantwortet diese Fragen noch nicht.
Vorgesehen sind außerdem Gegenüberstellungen mit Matisse, Peter Behrens, Johan Thorn Prikker und Bruno Taut sowie eine textile Installation von Dana Awartani. Das verspricht, die Geschichte über Osthaus hinaus zu öffnen. Interessant wird die Schau dort, wo sie die islamischen Künste nicht nur als Anregung europäischer Erneuerer behandelt, sondern ihre eigenen Zusammenhänge sichtbar macht. Nicht allein die Welt des Sammlers wäre dann zu entdecken, sondern auch das, was sein Blick aus ihr auswählte.
Redaktionell geprüft · 30. Oktober 2026


