LITERATUR · PORTRÄT

Barbara Yelin: Erinnerung entsteht zwischen den Bildern

Barbara Yelin macht aus Gesprächen und historischen Spuren Erzählungen in Bildern. Der Roswitha-Literaturpreis, den sie am 1. November erhält, lenkt den Blick auf eine Arbeit, die Erinnerung nicht glättet, sondern ihre Brüche sichtbar macht.

Eine Erinnerung ist kein sauber abgelegtes Dokument. Sie kehrt wieder, stockt, verändert ihren Abstand zur Gegenwart. Barbara Yelin macht aus dieser Unordnung eine Form: In ihren Comics begegnen sich Erzähltext, Dialog und Zeichnung, ohne dass das Bild bloß illustriert, was der Text bereits erklärt.

Am 1. November 2026 wird Yelin in Bad Gandersheim mit dem 50. Roswitha-Literaturpreis ausgezeichnet. Der Anlass lenkt den Blick auf eine Künstlerin, deren Arbeit die Frage nach dem Erinnern immer wieder neu stellt: Was lässt sich erzählen, wenn Zeugnisse lückenhaft sind – und wie viel Deutung darf eine Zeichnung hinzufügen?

Aus Spuren wird Erzählung

Yelin, 1977 in München geboren, studierte Illustration an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Mit dem Szenaristen Peer Meter veröffentlichte sie 2010 „Gift“, bevor sie mit „Irmina“ ein eigenes, aus Familiengeschichte und Recherche gewobenes Erzählprojekt vorlegte. Fundstücke aus dem Leben ihrer Großmutter wurden darin zum Ausgangspunkt einer Geschichte über Anpassung und Wegsehen im Nationalsozialismus. Das Buch sucht nicht nach einer bequemen moralischen Distanz: Es richtet den Blick darauf, wie Entscheidungen in kleinen Schritten Gestalt annehmen.

Die historische Recherche ist dabei nicht einfach das Gerüst unter der Erzählung. Sie wird zum Teil ihrer Spannung. In „Emmie Arbel. Die Farbe der Erinnerung“ geht Yelin von Gesprächen mit der Holocaust-Überlebenden aus. Die Lebensgeschichte, die daraus entsteht, reicht über die Verfolgung hinaus und lässt erkennen, wie Erfahrungen der Kindheit in ein späteres Leben hineinwirken. Yelin arbeitete nach eigenen Angaben mit Historikerinnen und Historikern, Fachleuten für Oral History und Archiven zusammen.

Zeichnen als Rückfrage

In einem veröffentlichten Gespräch mit dem Geschichtsbildungsnetzwerk EuroClio beschreibt Yelin, wie sie die verschiedenen Zeiten auf der Seite ineinanderschob. Sie wollte nicht mit erklärenden Sprüngen markieren, wann die Erzählung in eine Erinnerung wechselt. Stattdessen, sagt sie, habe sie Bildteile, Aussagen aus Gesprächen und historische wie gegenwärtige Fotografien miteinander verbunden – wie Teile eines Gedächtnispuzzles.

Wichtig ist dabei, dass die Zeichnung nicht vorgibt, jede Lücke schließen zu können. Yelin zeigte Arbel Entwürfe, damit diese Einzelheiten prüfen, korrigieren oder auch als ungewiss stehen lassen konnte. Eine gezeichnete Frage – ob es dunkel war, wer sich im Raum befand, was die Erzählerin trug – kann neue Erinnerungen anstoßen. Doch sie kann auch sichtbar machen, was nicht mehr zugänglich ist. In diesem Wechsel zwischen Nachfragen und Überarbeiten wird die Methode selbst Teil des Erzählens.

Yelin hat im Goethe-Institut-Interview über ihre wachsende Beschäftigung mit Erinnerung gesprochen: Sie sei ihr in unterschiedlichen Formen immer wieder begegnet; zunehmend habe sie dabei auch die Verbindung zu Trauma, Gewalt und Verlust beschäftigt. Das ist keine Behauptung, Zeichnung könne solche Erfahrungen auflösen. Eher öffnet sie einen Zwischenraum: Die Lesenden müssen zwischen den Panels Verbindungen herstellen, ohne dass jede Bedeutung ausformuliert wird.

Frauenleben, verschiedene Formen

Die Bandbreite der Arbeit zeigt sich auch dort, wo Yelin andere Lebenswege ins Zentrum rückt. „Vor allem eins: Dir selbst sei treu“ erzählt von der Schauspielerin Channa Maron; „Die Giehse – ein Leben für das Theater“ widmet sich Therese Giehse. Mit Thomas von Steinaecker entstand „Der Sommer ihres Lebens“, während „Unsichtbar“, gemeinsam mit ihrer Schwester Ursula Yelin, die Geschichte eines Geflüchteten aus Eritrea aufgreift. Yelin arbeitet also nicht nur an einem Thema oder in einer einzigen Form. Wiederkehrend ist vielmehr das Interesse daran, wie ein einzelnes Leben mit gesellschaftlicher Geschichte verschränkt ist.

Dass der Comic Literatur sein kann, ist für diese Arbeiten keine theoretische Behauptung, sondern eine Frage der erzählerischen Mittel. Ein Blick, eine Pause oder ein leerer Zwischenraum übernimmt Gewicht, das andernorts ein Absatz tragen würde. Der Roswitha-Preis wird am 1. November in der Stiftskirche Bad Gandersheim verliehen. Seine Jury würdigt Yelins Beitrag zur Gegenwartsliteratur; jenseits dieser Wertung liegt die Eigenart ihrer Bücher darin, dass sie Erinnerung nicht als fertiges Bild präsentieren. Sie zeigen, wie sie entsteht: aus Stimmen, Spuren und Entscheidungen – und aus dem, was zwischen zwei Bildern offenbleibt.

Redaktionell geprüft · 26. Oktober 2026

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