BILDENDE KUNST · HINTERGRUND

Was vom Club im Museum übrig bleibt

Das 3hd-Festival bringt Performance und Film in die Berlinische Galerie. Der Ortswechsel verändert nicht nur die Bühne, sondern auch die Bedingungen des Zuschauens: Wer kommt, wie lange bleibt man – und was wird aus gemeinsamer Aufmerksamkeit?

Ein Festival ist auch eine Frage des Takts: Man kommt, wenn etwas beginnt, bleibt vielleicht bis zum nächsten Set und geht mit Musik noch im Körper nach draußen. Im Museum gilt ein anderer Rhythmus. Man kann verweilen, zurückkehren, den Film im eigenen Tempo betrachten. Wenn Creamcake mit seinem 3hd-Festival in die Berlinische Galerie zieht, wandert also nicht einfach ein Programm von einem Ort zum anderen. Es ändern sich die Regeln des Zusammenseins.

Das zeigt sich schon an der Form des Gastspiels. Am 29. Oktober eröffnet „Headless“, eine Performance von Alex Quicho und Elizabeth Gabrielle Lee, das Programm. Sie findet vor einem Gemälde aus der Lovis-Corinth-Retrospektive statt; ein DJ-Set von NAS TEA beschließt den Abend. Ab dem folgenden Tag laufen vier Videoarbeiten im IBB-Videoraum der Galerie, bis zum 30. November auch online über 3hdTV. Der Festivalabend ist ein Ereignis mit Anfang und Ende. Die Filme dagegen bleiben verfügbar – im Museum und im Netz.

Ein anderer Takt des Sehens

Dieser Wechsel ist mehr als Logistik. Clubkultur und Performance arbeiten oft mit Dauer, Lautstärke, körperlicher Nähe und einer Aufmerksamkeit, die geteilt, aber nicht unbedingt auf ein einziges Werk gerichtet ist. Im Videoraum steht dagegen das Bild im Zentrum. Besucherinnen und Besucher können sich Zeit nehmen; sie können aber auch weitergehen. Die konzentrierte Betrachtung ist möglich, nicht garantiert. Das Museum bewahrt Film – und verändert zugleich, wie er gesehen wird.

Die vier Arbeiten kreisen um Bilder, Macht und die Position des Publikums. Sara Sadiks „Ultimate Vatos: Force & Honneur“ folgt einer Figur in einem erfundenen militärischen Trainingsprogramm, das Stärke und Zugehörigkeit prüft. Simone C Niquilles „The Fragility of Life“ nimmt eine Hillary-Clinton-Imitatorin in den Tagen vor der US-Wahl 2016 zum Ausgangspunkt, um über öffentliche Bilder und die Frage nach ihrer Kontrolle nachzudenken. Simona Andriolettis „Defence. What do you do with your anger?“ montiert Aufnahmen von Menschen, die sich gegen verschiedene Formen von Gewalt zur Wehr setzen; das Material wird mit einem Smartphone vom Bildschirm abgefilmt. Vika Kirchenbauers „This Suffocating Now“ verbindet persönliche, archivische und Protestbilder mit einer Auseinandersetzung über politische und gesellschaftliche Gewalt. Die Galerie beschreibt die Auswahl als Frage danach, was Bilder erinnern lassen – und was im Blick auf sie vergessen wird.

Gerade Andriolettis Arbeit macht den Ortwechsel zum Thema: Wer zusieht, bleibt nicht außerhalb des Geschehens. Das Abfilmen des Bildschirms fügt eine weitere Vermittlungsschicht hinzu und lenkt den Blick auf das passive Zuschauen. Im Museum kann diese Haltung kritisch befragt werden; zugleich bleibt das Publikum vor der Leinwand zunächst Publikum. Eine Vorführung garantiert noch keine Beteiligung.

Was der weiße Raum verändert

Das 3hd-Festival, veranstaltet von der Berliner Plattform Creamcake, ist nicht auf Clubs beschränkt. Sein Programm verbindet Performance, Musik und Bildende Kunst an verschiedenen Orten und online. Die Berlinische Galerie stellt dafür eine eigene Infrastruktur bereit: Der IBB-Videoraum zeigt seit 2011 zeitbasierte Kunst, also Arbeiten, deren Dauer und Bewegung zum Werk gehören. Für das Museum ist das eine Möglichkeit, Videoarbeiten in einen institutionellen Zusammenhang zu bringen; für ein Festival entsteht ein längeres Zeitfenster, das über den Abend hinausreicht.

Darin liegt ein Gewinn, aber kein neutraler. Der Eintritt zu „Headless“ am 29. Oktober ist laut Festival frei; für die Filmpräsentation gelten die Bedingungen des Museums. Die Online-Ausspielung erweitert den Zugang über den Ausstellungsraum hinaus. Zugleich verändert sich die soziale Situation: Ein gemeinsamer Abend mit Musik und Performance ist nicht dasselbe wie ein Besuch während der regulären Öffnungszeiten oder das Streamen zu Hause. Wer kommt, wie lange bleibt und ob Gespräche entstehen, lässt sich aus dem Programm allein nicht ablesen.

Was vom Club im Museum übrig bleibt, ist deshalb nicht einfach eine abgeschwächte Nacht. Es ist eine andere Anordnung von Aufmerksamkeit: weniger flüchtig, stärker gerahmt, länger zugänglich. Und was das Museum vom Festival übernimmt, ist zumindest der Versuch, Kunst nicht nur als stilles Objekt, sondern als Situation zwischen Bild, Körper und Publikum zu behandeln. Ob daraus Gemeinschaft entsteht, entscheidet sich nicht an der Adresse. Aber die Frage, wer schaut – und unter welchen Bedingungen –, gehört hier ausdrücklich zum Programm.

Redaktionell geprüft · 26. Oktober 2026

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