Eine Ausstellung gibt gewöhnlich einen Weg vor, auch wenn niemand ihn vorschreibt: Man betritt einen Raum, bleibt vor einem Werk stehen, geht weiter. Im Theater dagegen sind Dauer und Reihenfolge meist gesetzt; das Publikum teilt einen gemeinsamen Anfang. Özgür Kar will diese Ordnung in der Kunsthalle Basel verschieben. Seine Ausstellung «Rock Bottom» soll das Haus in eine Bühne verwandeln – und die Besuchenden durch eine Produktion führen, die mehrere Räume umfasst.
Ab dem 30. Oktober 2026 wird dort eine neue Arbeit des 1992 geborenen Künstlers gezeigt. Kar verbindet Video, Skulptur, Animation und Klang. Die Ankündigung der Kunsthalle Basel beschreibt «Rock Bottom» als Theaterproduktion; die Ausstellungsräume werden dabei nicht bloß zum neutralen Behälter für einzelne Objekte, sondern Teil einer Inszenierung. Über die konkrete Ausstattung und den Verlauf der Szenen gibt es vor der Eröffnung noch keine belastbaren Angaben. Sicher ist: Die Architektur soll eine Rolle spielen, und der Weg durch die Ausstellung gehört zum Konzept.
Bilder, die Raum beanspruchen
Für Kar ist Video, wie die Kunsthalle mitteilt, nicht in erster Linie ein Mittel des Kinos, sondern ein skulpturales Medium. Das bewegte Bild steht damit nicht nur für eine erzählte Handlung. Es nimmt im Raum Gestalt an: als Fläche, Lichtquelle und zeitliches Geschehen, dem man sich nähern, das man aus der Distanz betrachten oder auch verpassen kann. Zusammen mit Klang und Animation entsteht eine Arbeit, die sich nicht notwendig auf einen einzigen Blickpunkt oder eine einzige Dauer festlegen lässt.
In Kars bisheriger Praxis kreisen die Arbeiten um Einsamkeit, Sehnsucht und Unsicherheit. Ihre Bildsprache, so die Beschreibung der Kunsthalle, bewegt sich zwischen Groteske und Zärtlichkeit. Das ist eine Spannung, die dem Theater nahe liegt: Eine Figur kann zugleich komisch und verletzlich wirken; eine Stimme kann Nähe herstellen, ohne dass ihr Gegenüber greifbar wird. Für «Rock Bottom» hat Kar laut der Ankündigung neue Figuren sowie ein eigenes Skript und eine Partitur entwickelt. Wie diese Elemente im Raum zusammenfinden, wird sich erst beim Besuch erschließen.
Wer bestimmt den Ablauf?
Die Bühnenmetapher ist hier mehr als ein griffiges Bild. Ein Theaterstück bündelt die Aufmerksamkeit meist auf eine gemeinsame Handlung; eine Ausstellung erlaubt, den Blick zu wenden, zurückzugehen oder einen Raum auszulassen. Wird das Haus zur Bühne, geraten diese Freiheiten in Bewegung. Gibt es eine Reihenfolge, der man folgen sollte? Muss man warten, bis eine Szene endet? Und was bleibt von einer Erzählung, wenn man mittendrin eintritt oder sie aus einem anderen Raum hört?
Die Ausstellung verspricht keine einfache Angleichung von Museum und Theater. Gerade der Unterschied zwischen beiden Formen macht ihren Reiz als Vorschau aus: Im Museum ist die eigene Zeit Teil der Erfahrung. Eine mehrteilige Inszenierung kann diese Freiheit spürbar machen – oder sie auf die Probe stellen. Ob sich ein gemeinsamer dramaturgischer Bogen ergibt oder viele individuelle Besuchsverläufe, lässt sich vorab nicht entscheiden.
Zwischen Aufführung und Betrachtung
Kars Arbeit steht in einer Gegenwartskunst, in der bewegte Bilder zunehmend als räumliche Situationen gedacht werden. Der Bildschirm ist dann nicht bloß ein Fenster auf eine andere Welt; sein Standort, die Dunkelheit des Raumes und die Dauer des Betrachtens gehören zum Werk. Mit «Rock Bottom» führt Kar diese Überlegung in eine ausdrücklich theatrale Richtung. Die Kunsthalle Basel nennt es seine erste institutionelle Einzelausstellung in der Schweiz. Die Ausstellung ist in Zusammenarbeit mit Spike Island in Bristol und der Galeria Municipal do Porto entstanden.
Der Titel klingt nach einem Tiefpunkt, doch was er in der Produktion bezeichnet, bleibt zunächst offen. Fest steht der Ort: die Kunsthalle Basel. Nach übereinstimmenden Angaben der Künstlerwebsite und der Ankündigung bei e-flux ist «Rock Bottom» vom 30. Oktober 2026 bis zum 24. Januar 2027 geplant. Für den Besuch bedeutet das vorerst vor allem eine Einladung, den eigenen Takt nicht als selbstverständlich zu nehmen: In dieser Ausstellung könnte schon die Frage, wann man weitergeht, Teil des Sehens werden.
Redaktionell geprüft · 26. Oktober 2026


