Am 3. November wird in Köln der Siegfried-Kracauer-Preis für die beste Filmkritik vergeben. Fünf Texte sind nominiert, ausgewählt aus 83 Einreichungen; die Jury sichtete sie anonymisiert. Schon dieses Verfahren setzt ein Zeichen: Ausgezeichnet werden soll nicht die lauteste Stimme oder der bekannteste Name, sondern zunächst die Arbeit am Text. Doch was heißt es, einem Film nahe zu kommen – und zugleich unabhängig über ihn zu urteilen?
Die Shortlist versammelt sehr verschiedene Gegenstände: Annette Brauerhoch schreibt über Barbara Lodens „Wanda“, Esther Buss über Alexandre Koberidzes „Dry Leaf“, Mathis Raabe über Francis Lawrences „The Long Walk“, Sonja M. Schultz über Lutz Pehnerts „Kommunist“ und Lukas Stern über Adrian Goigingers „Vier minus Drei“. Die Nominierung macht diese Besprechungen nicht zu einer gemeinsamen Schule. Sie öffnet aber einen Raum für die Frage, was Kritik leisten kann, wenn sie nicht bei einer Empfehlung oder einem Daumen nach oben stehen bleiben soll.
Nähe ist kein Freibrief
Film lässt sich nicht nur als Handlung zusammenfassen. Er organisiert Blicke, Zeit, Geräusche und Körper; seine Wirkung entsteht auch in Pausen, Wiederholungen und Auslassungen. Wer darüber schreibt, muss sich auf diese konkrete Erfahrung einlassen. Nähe bedeutet dabei nicht, die eigene Reaktion zur allgemeinen Wahrheit zu erklären. Sie wird produktiv, wenn sie am Film überprüfbar bleibt: an einer Einstellung, einer Montageentscheidung, einem Rhythmus oder daran, wie Figuren ins Bild gesetzt werden.
Das begründete Urteil beginnt dort, wo Beschreibung und Bewertung auseinanderzuhalten sind. Eine Kritik kann offenlegen, was sie wahrnimmt, welche Maßstäbe sie anlegt und wo ihre Deutung unsicher bleibt. Das macht sie nicht neutral – ein vollständig standpunktloser Blick ist kaum denkbar. Es macht die eigene Position aber sichtbar und damit diskutierbar. Unabhängigkeit ist weniger Gefühllosigkeit als eine Arbeitsweise: genau hinsehen, Gründe nennen, Interessen kenntlich machen.
Kracauers Blick auf das Kino
Der Namensgeber des Preises, Siegfried Kracauer, schrieb ab 1922 Filmkritiken für das Feuilleton der „Frankfurter Zeitung“ und verband ästhetische Beobachtung mit Gesellschaftsanalyse. Das Deutsche Literaturarchiv Marbach fasst seinen Anspruch mit einem Satz aus dem Jahr 1932 zusammen: „Der Filmkritiker von Rang ist nur als Gesellschaftskritiker denkbar.“ Kracauers Perspektive erinnert daran, dass Filme nicht außerhalb ihrer Produktions- und Lebenswelten entstehen. Zugleich ist sein Erbe kein fertiges Rezept. Ein heutiger kritischer Blick muss auch fragen, wessen Erfahrungen als allgemein gelten und wessen Perspektiven fehlen.
So geraten zwei Aufgaben in ein produktives Spannungsverhältnis: den Film als gestaltetes Werk ernst zu nehmen und seine Bilder auf ihre gesellschaftlichen Voraussetzungen hin zu befragen. Wird nur die Form gefeiert, kann der Blick auf Macht und Ausschlüsse verschwinden. Wird der Film bloß als Beleg für eine vorab fertige These gelesen, droht seine eigene Mehrdeutigkeit verloren zu gehen. Kritik hält beides zusammen, ohne den Widerspruch vorschnell aufzulösen.
Neue Formen, gleiche Verantwortung
Dass der Preis neben Texten auch eine innovative Form auszeichnet, erweitert den Begriff der Kritik. 2026 geht diese Auszeichnung an die sechsteilige SWR-Kultur-Podcast-Serie „Werner Herzog – zu groß für Deutschland“. Audio kann Stimme, Montage und dokumentarisches Material anders einsetzen als eine Rezension; die Form ändert aber nichts an der Verantwortung, Beobachtung und Interpretation unterscheidbar zu machen.
Auch erzählte Nähe braucht deshalb Grenzen. Ein persönlicher Zugang kann Aufmerksamkeit schaffen, darf aber nicht als Ersatz für Argumente dienen. Und wer über Filme schreibt, sollte die Bedingungen der eigenen Arbeit reflektieren: etwa Einladungen, Vorabzugänge oder andere Beziehungen, die für die Beurteilung relevant sein könnten. Nicht jede Nähe ist ein Interessenkonflikt; verschwiegen oder unbedacht kann sie dennoch Vertrauen beschädigen.
Der Kracauer-Preis entscheidet über eine Auszeichnung, nicht über eine endgültige Rangordnung der Kritik. Sein nützlicherer Anlass liegt in der Frage, die jede Rezension neu beantworten muss: Wie lässt sich ein Film ernst nehmen, ohne ihm das letzte Wort zu überlassen? Das Urteil gewinnt nicht durch Distanz um jeden Preis, sondern durch nachvollziehbare Gründe – und durch die Bereitschaft, die eigene Sicht als eine Sicht kenntlich zu machen.
Redaktionell geprüft · 31. Oktober 2026


