Ein Spielzeug wird lebendig: Was nach einem Kinderwunsch klingt, kann auch eine beunruhigende Vorstellung sein. Wo Dinge ein Eigenleben entwickeln, verliert die vertraute Welt ihre Verlässlichkeit. In dieser Schwebe liegt eine Möglichkeit des „Nussknackers“, die hinter seinem Ruf als Weihnachtsballett leicht verschwindet.
Christian Spuck setzt dort mit seiner neuen Fassung für das Staatsballett Berlin an. Am 27. November 2026 ist an der Deutschen Oper Berlin Premiere. Angekündigt ist keine Übernahme seiner Zürcher Arbeit von 2017, sondern eine neue Choreographie für das Berliner Ensemble. Der entscheidende Perspektivwechsel: Die Geschichte soll aus Maries Wahrnehmung entstehen.
Das Unheimliche im Kinderzimmer
E. T. A. Hoffmanns 1816 erschienene Erzählung „Nußknacker und Mausekönig“ liefert dafür mehr als Figuren und Handlung. Das Hoffmann-Portal der Staatsbibliothek zu Berlin beschreibt, wie sich darin Alltag und Fantastik bedrohlich ineinanderschieben. Marie belebt das Spielzeug durch ihre Vorstellungskraft; die Beziehung zu ihm verändert zugleich seine Bedeutung. Kindliche Fantasie ist hier nicht einfach ein Schutzraum vor der Wirklichkeit.
Für eine Choreographie stellt sich damit eine konkrete Aufgabe: Wie lässt sich Wahrnehmung tanzen? Ein Körper kann erschrecken, zögern, sich hingezogen fühlen. Doch ob seine Umgebung tatsächlich verwandelt wird oder nur anders erscheint, muss das Theater mit Bewegung, Raum und Musik aushandeln. Die literarische Vorlage eröffnet diese Unsicherheit; eine Inszenierung muss ihr eine eigene Form geben.
Spuck erläutert im Gespräch mit dem Staatsballett, dass er Marie ins Zentrum rückt und Drosselmeier nicht allein als freundlichen Paten versteht. Ihn interessiert auch dessen Einfluss auf ihre Fantasie. Das verschiebt die Gewichte: Wer eine Wunderwelt eröffnet, verfügt womöglich zugleich über die Bilder, in denen ein anderer Mensch sich bewegt.
Ein Klassiker, mehrere Blickrichtungen
Dass Tschaikowskys Musik keine einzige verbindliche Bühnenerzählung vorschreibt, zeigt John Neumeiers „Der Nussknacker“. Seine 1971 in Frankfurt uraufgeführte Fassung steht auch in dieser Saison beim Hamburg Ballett auf dem Programm. Dort beginnt die Geschichte nicht am Weihnachtsabend, sondern an Maries zwölftem Geburtstag. Drosselmeier ist ein Ballettmeister, sein Geschenk ein Paar Spitzenschuhe; die Fantasie führt ins Theater.
Neumeier macht aus dem Stoff damit auch eine Geschichte über die Anziehungskraft des Balletts. Sein Beispiel widerspricht der Vorstellung, jede Abweichung vom vermeintlich vertrauten Original sei bereits ein Traditionsbruch. Schon die Entscheidung, welche Figur im Mittelpunkt steht und welche Welt sie betritt, verändert die Bedeutung der Musik. Nicht der Titel allein bestimmt, welches Stück ein Publikum zu sehen bekommt.
Verwandlung als Bühnenaufgabe
In Berlin verantwortet Spuck Choreographie und Inszenierung, Claus Spahn Libretto und Dramaturgie. Rufus Didwiszus entwirft den Bühnenraum, Emma Ryott die Kostüme, Martin Gebhardt das Licht. Zur Musik von Peter I. Tschaikowsky tanzt das Staatsballett Berlin; beteiligt sind außerdem Orchester und Kinderchor der Deutschen Oper Berlin.
Spuck kündigt einen Raum nach dem Prinzip alter Kulissentheater an: Verschiebbare Elemente sollen Verwandlungen sichtbar herstellen. Zugleich hält er am klassischen Spitzentanz fest. Darin steckt eine interessante Spannung des Vorhabens: Der Körper folgt einer hochgradig geordneten Technik, während die Welt um ihn herum ihre Ordnung verlieren darf.
Ob daraus eine überzeugende Perspektive auf Marie entsteht, wird erst die Aufführung zeigen. Die Frage, die diese Neuproduktion aufwirft, reicht jedoch über das Weihnachtsrepertoire hinaus: Wie kann Ballett von Kindheit erzählen, ohne ihre Ängste hinter dekorativem Zauber verschwinden zu lassen?
Redaktionell geprüft · 30. Oktober 2026


