Seit zwanzig Jahren fragt Doris Uhlich, was ein Körper im Tanz darf – und wer darüber entscheidet. Die österreichische Choreografin setzt nicht bei einer Idealform an, sondern bei Menschen mit unterschiedlichen Biografien, körperlichen Voraussetzungen und Bewegungserfahrungen. In ihren Arbeiten kann eine Geste alltäglich sein, ein Ballettschritt zur Choreografie des Widerstands werden, eine Tanzfläche mehr als eine Bühne: ein Ort, an dem sichtbar wird, welche Körper sonst als selbstverständlich gelten.
Die Werkschau „BOOM TSCHAK: 20 Jahre Doris Uhlich“ bündelt vom 5. November bis 5. Dezember 2026 Arbeiten, Filme, Gespräche und Workshops. Das Programm verteilt sich auf das Tanzquartier Wien, brut Wien, das Belvedere 21 und das Josephinum. Es ist keine bloße Parade früherer Erfolge: Fünf thematische Linien – von frühen Arbeiten über Ballett und Technik bis zu Nacktheit und dem Material Schleim – sollen Querverbindungen durch das Werk ziehen.
Gegen die saubere Linie
Uhlich, 1977 in Oberösterreich geboren, studierte zeitgenössische Tanzpädagogik am Konservatorium der Stadt Wien und entwickelte ab 2006 eigene Projekte. Früh geraten in ihren Arbeiten Vorstellungen ins Wanken, nach denen Tanzkörper schlank, trainiert und makellos sein müssten. In „mehr als genug“ (2009) wird die gesellschaftliche Bewertung von Körperfülle ausdrücklich zum Thema. Später öffnet „Every Body Electric“ (2018) die Bühne für Performer*innen mit körperlichen Behinderungen; „more than naked“ (2013) und weitere Arbeiten untersuchen Nacktheit jenseits einer bloß erotischen oder provokativen Lesart.
Das ist keine einfache Botschaft von Inklusion, die sich von Stück zu Stück unverändert wiederholt. Uhlich verschiebt vielmehr die Bedingungen des Sehens: Welche Bewegung gilt als virtuos? Wer wird auf einer Bühne als Tänzer*in erkannt? Und was geschieht, wenn nicht der Körper einer vorgegebenen Form folgt, sondern die Form sich an den Körpern orientiert? Die Choreografie wird so auch zur sozialen Praxis – ohne dass damit die künstlerische Arbeit in eine Illustration politischer Thesen aufgeht.
Ein Werk, viele Körperarchive
In ihrer Biografie beschreibt Uhlich den Körper als ein „reisendes Körperarchiv“: Biografisches und gesellschaftliche Erfahrungen schreiben sich ein, bleiben aber nicht starr. Das Bild passt zu einer Praxis, die mit wechselnden Ensembles, unterschiedlichen Räumen und Formaten arbeitet. „Habitat“ etwa ist seit 2017 in verschiedenen Kontexten erschienen; die Reihe macht den jeweiligen Ort und die dort versammelten Körper zum Teil der choreografischen Situation. „Ravemachine“ (2016), gemeinsam mit dem Tänzer Michael Turinsky entwickelt, verschränkt Bewegung mit Clubkultur und der Beziehung zwischen Körper und Maschine.
Ein solches Archiv lässt sich nicht vollständig aufzeichnen. Video kann Bewegungen und frühere Arbeitsphasen sichtbar machen; eine Wiederaufführung kann aber weder den damaligen Moment noch die damalige Besetzung unverändert zurückholen. Was bleibt, sind auch Verfahren, Fragen und Beziehungen – und das Wissen der Menschen, die an den Arbeiten beteiligt waren. Gerade deshalb ist eine Retrospektive nicht neutral: Sie wählt aus, ordnet und setzt Schwerpunkte. Ob die Rückschau die beteiligten Performer*innen ebenso als Träger*innen dieses Wissens sichtbar macht wie die Choreografin, entscheidet sich auch an der konkreten Gestaltung des Programms.
Rückschau ohne Stillstand
Die angekündigten „Early Works“ versammeln unter anderem „und“ und „Impatiens walleriana“ (beide 2007) sowie den Film „sackl du printemps“ (2007). „World of Ballet“ richtet den Blick auf Uhlichs Auseinandersetzung mit den Formen des klassischen Bühnentanzes; „Welcome to the Machine“ auf das Verhältnis von Menschen und Technik. „Gootopian Times“ führt Arbeiten zusammen, in denen Körper mit Schleim als formbarem Material in Beziehung treten. Die „Naked Works“ rücken die Befragung normativer Blicke und fester Rollen ins Zentrum.
Die Ordnung macht sichtbar, wie weit Uhlichs Arbeit über ein einzelnes Thema hinausreicht: von Ballettcodes bis zu Maschinen, von kollektiver Bewegung bis zu Begegnungen im kleinen Format. Zugleich bleibt die Frage, wie eine Werkschau die Menschen und Bedingungen hinter diesen Bewegungen bewahrt, ohne sie zu bloßem Archivmaterial zu machen. Bei Uhlich ist der Körper kein Speicher, den man einfach ausliest. Er bewegt sich weiter – und verändert damit auch, was die Vergangenheit bedeutet.
Redaktionell geprüft · 3. November 2026


