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Der Vampir tanzt: Körper zwischen Verführung und Unsterblichkeit

Edward Clug bringt mit „CARPATHIA – Der Mythos der Untoten“ eine neue Dracula-Choreografie nach München. Im Vergleich mit Krzysztof Pastors Dortmunder „Dracula“ zeigt sich, wie verschieden Tanz Verführung, Verlust und Unsterblichkeit erzählen kann.

Ein Körper, der nicht sterben kann, steht im Tanz vor einem Paradox: Er muss sich bewegen, um seine Macht zu zeigen, und scheint doch der Zeit enthoben. In Bram Stokers „Dracula“ wird diese Spannung zur Erzählung von Begehren, Abhängigkeit und Gefahr. Zwei aktuelle Ballettarbeiten setzen unterschiedliche Akzente: Krzysztof Pastors „Dracula“ ist in Dortmund bereits zu sehen gewesen; Edward Clugs „CARPATHIA – Der Mythos der Untoten“ kommt Ende November als Uraufführung nach München.

Zwei Wege durch die Nacht

Pastors Handlungsballett, 2018 vom West Australian Ballet uraufgeführt, wurde am 17. Oktober 2026 vom Ballett Dortmund und dem NRW Juniorballett erstmals in Deutschland gezeigt. Die Choreografie erzählt Dracula als Mann, der nach dem Tod seiner großen Liebe zwischen Leben und Tod gefangen bleibt und in Mina die Hoffnung auf Befreiung erkennt. Zwei Tänzer verkörpern die verschiedenen Erscheinungsformen der Titelfigur. Intime Pas de deux stehen neben großen Ensembleszenen; die neoklassische, theatralische Bewegungssprache führt die Handlung fort. Die Musik von Wojciech Kilar bildet dafür das Fundament.

Clug, Choreograf und Ballettdirektor des Slowenischen Nationaltheaters in Maribor, setzt in München anders an. „CARPATHIA“ ist seine erste Arbeit für das Bayerische Staatsballett und entsteht zu einer eigens komponierten Musik von Milko Lazar. Der aus Transsilvanien stammende Choreograf nimmt Stokers 1897 erschienenen Roman zum Ausgangspunkt, wendet sich laut Staatsoper aber von den gängigen kommerziellen Vampirbildern ab. Seine angekündigte Spur führt in die Karpaten, zu archaischen Ritualen und einem zyklischen Zeitgefühl.

Wenn der Körper die Geschichte trägt

Das sind zunächst zwei unterschiedliche dramaturgische Versprechen, noch keine Aussagen über ihre Wirkung auf der Bühne. Bei Pastor wird die Figur über eine Lebensgeschichte lesbar: Liebe, Verlust und die Hoffnung auf Erlösung. Die Aufteilung Draculas auf zwei Tänzer macht seine Zerrissenheit sichtbar. Der Körper kann hier zugleich Verführer und gealtertes, vom Schicksal gezeichnetes Wesen sein.

Clugs Konzeption verschiebt den Schwerpunkt. Die Unsterblichkeit soll nicht als Triumph oder Verführung erscheinen, sondern als Last; ein gestörtes Gleichgewicht zwischen Menschen und ihrer Welt bildet den Kern. Die Bewegung, so die Ankündigung, entfaltet sich in einer Folge ritueller Zustände. Was daraus konkret an Gesten, Formationen und körperlichen Beziehungen entsteht, wird erst die Uraufführung zeigen.

Der Untote als Gegenwart

Der Vampir ist für das Ballett mehr als ein Kostümstoff: Seine Macht lässt sich in Nähe und Distanz, in einem Griff, einem Widerstand oder einer übernommenen Bewegung verhandeln. Wer führt, wer folgt, wer kann sich lösen? Solche Fragen macht Tanz ohne Worte körperlich lesbar. Pastors Duette und Ensembletableaus erzählen eine romantische Tragödie; Clug richtet den Blick auf Herkunft, Ritual und den Verlust von Ordnung.

Auch die Orte setzen einen Akzent. Dortmund zeigte Pastors „Dracula“ im Opernhaus mit seiner Originalausstattung. Clugs Neukreation kehrt nach München zurück: Stokers Roman beginnt mit einer Reise, die in der Stadt ihren Anfang nimmt. Im Nationaltheater hebt sich am 25. November 2026 der Vorhang für die Uraufführung; weitere Vorstellungen der ersten Serie sind am 28. November und 4. Dezember angekündigt. Der Vergleich verspricht keine Rangordnung. Er macht sichtbar, wie ein alter Mythos im Ballett einmal als Liebesgeschichte und einmal als Frage nach dem Verhältnis von Körper, Zeit und Welt neu lesbar werden kann.

Redaktionell geprüft · 30. Oktober 2026

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