Was bleibt von den Zwanzigern, wenn man den Goldrahmen abnimmt? Nicht nur Charleston, schimmernde Fassaden und die Verheißung einer modernen Großstadt. Auch Armut, politische Gewalt und die Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs gehören in das Bild. Die Ausstellung „Am Ende des Tages: 100 Jahre Neue Sachlichkeit“ nimmt diese widersprüchliche Zeit ab 6. November im Museum der Moderne Salzburg am Mönchsberg in den Blick.
Malereien, Grafiken, Fotografien und Plastiken sollen die Besucherinnen und Besucher vom Atelier auf die Straße, ins Theater und schließlich in die Nacht führen. Die Schau versammelt Arbeiten aus der Jan E. Fischer Private Collection und ergänzt sie um Leihgaben österreichischer Sammlungen. Zu den vertretenen Künstlerinnen und Künstlern zählen Albert Birkle, Dodo, Elde Steeg, Lotte Laserstein, George Grosz, Otto Dix, Christian Schad und Rudolf Schlichter. Kuratiert wird die Salzburger Präsentation von Marijana Schneider; das Konzept entwickelte Noam Gal für das Tel Aviv Museum of Art, wo die Ausstellung zuvor zu sehen war.
Sachlichkeit ist kein neutraler Blick
Der Name der Bewegung klingt nach kühler Bestandsaufnahme. Geprägt wurde er 1925 mit einer Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim: Deren Direktor Gustav Friedrich Hartlaub bündelte unter „Neue Sachlichkeit“ unterschiedliche Strömungen der deutschen Kunst nach dem Expressionismus. Gemeinsam war ihnen eine erneute Hinwendung zum Gegenständlichen, nicht aber ein gemeinsamer Stil oder eine einheitliche politische Haltung. Die genaue, oft scharf konturierte Darstellung konnte sozialkritisch sein; sie konnte ebenso in stillen, klassisch geordneten Bildern eine andere Wirklichkeit entwerfen.
Diese Unterschiede sind wichtig, wenn die Zwischenkriegszeit heute als dekoratives Versprechen aufgerufen wird: als Epoche der Tanzlokale, der kurzen Röcke und des vermeintlich unbeschwerten Großstadtlebens. Die Kunst der Neuen Sachlichkeit lässt sich nicht auf eine solche Kulisse reduzieren. Ihr Blick auf Menschen und Dinge ist gerade deshalb interessant, weil Präzision nicht automatisch bedeutet, dass ein Bild neutral wäre. Wer wird beobachtet, wer darf zurückblicken? Welche Körper erscheinen als individuelle Personen, welche als Typen ihrer Klasse, ihres Berufs oder Geschlechts?
Von der Straße in die Nacht
Die Dramaturgie der Schau folgt einem Tageslauf. Das verspricht eine anschauliche Ordnung, aber auch eine Frage an die Auswahl: Welche Erfahrungen werden entlang dieser Route sichtbar, und welche geraten an den Rand? Das Museum kündigt Themen wie gesellschaftlichen Wandel, Identität, Rollenbilder und Krisenerfahrungen an. Mit Künstlerinnen wie Dodo, Elde Steeg und Lotte Laserstein ist die Präsentation nicht auf die bekannten männlichen Namen der Bewegung beschränkt. Wie weit sich dadurch die Perspektive auf Arbeit, Geschlecht und Öffentlichkeit verschiebt, wird sich an der konkreten Hängung und den einzelnen Werken zeigen.
Das ist keine Nebensache. Die berühmte Mannheimer Ausstellung von 1925 präsentierte nach Angaben der Kunsthalle rund 32 Künstler – Frauen waren nicht vertreten. Eine hundert Jahre spätere Schau kann diese historische Auslassung nicht rückgängig machen. Sie kann aber sichtbar machen, dass die Geschichte der Neuen Sachlichkeit mehr umfasst als ihre vertrauten Hauptvertreter. Ob die Salzburger Auswahl die unterschiedlichen künstlerischen Positionen tatsächlich in Spannung zueinander setzt, lässt sich vor dem Besuch nicht abschließend beurteilen.
Der Titel „Am Ende des Tages“ lenkt den Blick auf einen Übergang: vom öffentlichen Treiben in die Nacht, von der sichtbaren Oberfläche zu dem, was sie verdeckt. Die Ausstellung könnte gerade dort gegen die Nostalgie arbeiten, wo die Bilder den Reiz der Moderne nicht leugnen, aber ihre Kosten und Brüche mitführen. Das Publikum muss sich also nicht zwischen Glanz und Krise entscheiden. Die Zwanziger waren beides – und die Neue Sachlichkeit machte aus diesem Nebeneinander eine Bildfrage.
Die Ausstellung ist vom 6. November 2026 bis zum 28. Februar 2027 auf dem Mönchsberg zu sehen. Die Eröffnung ist für den Abend des 5. November angekündigt; der reguläre Ausstellungszeitraum beginnt am folgenden Tag.
Redaktionell geprüft · 4. November 2026


