BILDENDE KUNST · VORSCHAU

Karen Kilimnik: Wem gehören die Wunschbilder?

Märchen, Ballett und große Gesellschaft: Karen Kilimnik lässt sehr verschiedene Bildwelten ineinanderkippen. Zwei Ausstellungen in Hamburg und Prato geben Anlass, ihre Verlockung neu zu befragen.

Eine kleine Leinwand kann eine große Sehnsucht aufnehmen: ein Hotelzimmer, ein Landschaftsausschnitt, eine Blume, die aus dem Alltag in eine andere Welt zu weisen scheint. Bei Karen Kilimnik sind solche Bilder selten bloße Fluchten. Sie erinnern daran, dass Vorstellungen von Schönheit und Zugehörigkeit längst in Bildern eingeübt werden – von Märchenillustrationen und höfischer Malerei ebenso wie von Ballett, Mode und Film.

Im Kunstverein in Hamburg eröffnet am 6. November ihre Ausstellung; regulär ist sie vom 7. November 2026 bis zum 28. Februar 2027 zu sehen. Das Centro Pecci in Prato zeigt parallel eine eigene, mit Hamburg abgestimmte, aber eigenständige Schau: „ABRACADABRA“ beginnt dort am 21. November und läuft bis zum 29. März 2027. Der Kunstverein kündigt einen Überblick über mehrere Jahrzehnte und verschiedene Medien an, darunter Ölbilder, Arbeiten auf Papier und mise-en-scène – inszenierte räumliche Arrangements. In Prato sollen Installationen, Gemälde, Fotografien und Zeichnungen zusammenkommen.

Ein Archiv voller Sehnsucht

Kilimnik arbeitet seit den späten 1970er-Jahren mit Malerei, Zeichnung, Collage, Fotografie, Video und Installation. Ihre Bildquellen reichen von barocken und älteren höfischen Traditionen bis zu Landschaftsmalerei, Popkultur, Mode und Film. Diese Motive treten nicht wie ordentlich beschriftete kunsthistorische Zitate auf. Eher begegnen sie als vertraute Bildformeln, die sich überlagern: ein romantischer Ort, ein Versprechen von Eleganz, eine Fantasie von Rang.

Ein Blick auf ihre Arbeiten macht die Spannweite sichtbar. „a world of perfection, the hotel de Paris, Monte Carlo“ (2015) ist ein kleines Ölbild auf Leinwand; „home of the dewdrop fairy“ (1998) ruft schon im Titel eine Feenwelt auf. Die Galerie Eva Presenhuber dokumentiert auch jüngere Arbeiten, in denen Malerei mit Acryl, fotografischem Druck oder glitzernden Materialien verbunden wird. Das Spektrum reicht von der stillen Landschaft bis zur bewusst künstlichen Verführung. Welche konkreten Werke Hamburg und Prato zeigen, ist in den bislang verfügbaren Ausstellungsangaben nicht vollständig ausgewiesen.

Glamour als Versprechen

Der Blick auf Kilimniks Märchen- und Gesellschaftsbilder lässt sich als Frage nach dem Glamour lesen. Gemeint ist dann nicht allein Glanz, sondern eine Macht über Erscheinungen: Wer darf sichtbar sein? Welche Lebensform gilt als begehrenswert? Und wer bleibt außerhalb des Bildes, das Erfolg, Schönheit oder romantische Erfüllung verspricht?

Diese Fragen machen die Wunschwelt nicht einfach zum Gegenpol der Wirklichkeit. Ein Märchen kann Trost anbieten und zugleich eine Ordnung festschreiben; ein Gesellschaftsbild kann mit Eleganz locken und die Regeln des Dazugehörens mitliefern. In Kilimniks Werk treffen solche Versprechen auf Bilder, die aus unterschiedlichen Zeiten und Medien stammen. Gerade ihre Vertrautheit kann dabei irritieren: Man erkennt die Sehnsucht, bevor man weiß, wem sie nützt.

Die beiden Ausstellungen setzen einen passenden Rahmen, um dieses Spannungsverhältnis zu verfolgen. Hamburg kündigt die erste Überblicksschau der Künstlerin in Deutschland seit mehr als 25 Jahren an; Prato legt den Akzent mit dem Titel „ABRACADABRA“ auf die Vorstellung von Kunst als magischem Filter, durch den sich Glamour und Tragik der US-amerikanischen Kultur betrachten lassen. Was die jeweilige Auswahl daraus macht, wird erst in den Räumen selbst zu prüfen sein. Die leitende Frage steht schon vorher im Raum: Sind Kilimniks Wunschbilder Schutzräume – oder Landkarten einer Zugehörigkeit, die nicht allen offensteht?

Redaktionell geprüft · 3. November 2026

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