ARCHITEKTUR & DESIGN · VORSCHAU

Was die Stadt nur vorübergehend zusammenhält

Gerüste, Schutznetze und Umleitungen sind selten als Architektur gemeint – und doch organisieren sie den Alltag der Stadt. Das Architekturzentrum Wien macht diese notwendige Zwischenwelt zum Thema und fragt, was dauerhaftes Bauen von ihr lernen kann.

Gerüste gehören zum Stadtbild, bis sie wieder verschwinden. Schutzdächer über Gehwegen, provisorische Stege und Absperrungen ebenso: Sie verändern Wege, sichern Baustellen und halten Reparaturen überhaupt erst möglich. Als Architektur gelten sie selten. Das Architekturzentrum Wien widmet diesen Konstruktionen nun die Ausstellung „Temporary. Structures of Necessity“ – und stellt eine Frage, die über das Provisorium hinausreicht: Was kann dauerhaftes Bauen von ihnen lernen?

Die Schau eröffnet am 4. November und ist vom 5. November 2026 bis zum 5. April 2027 in der Ausstellungshalle 2 des Architekturzentrum Wien zu sehen. Konzept und Gestaltung stammen von KOSMOS architects. Das Büro beschäftigt sich nach Angaben des Hauses seit Jahren mit solchen zweckgebundenen Bauten und sammelt Beispiele einer Infrastruktur, die meist im Hintergrund bleibt.

Die stille Schicht der Stadt

Temporär heißt nicht nebensächlich. Wo gebaut, abgebrochen und instand gehalten wird, braucht es Übergänge, Schutz und Orientierung. Diese Konstruktionen übernehmen konkrete Aufgaben im öffentlichen Raum: Sie halten Passagen offen, schirmen Gefahrenzonen ab oder ermöglichen Arbeiten, während der übrige Stadtrhythmus weiterläuft. Sie sind keine bloße Kulisse der Stadtentwicklung, sondern Teil ihrer Betriebsbedingungen.

Gerade ihre geringe Aufmerksamkeit ist aufschlussreich. Die Konstruktionen treten dort hervor, wo etwas verändert oder repariert wird, und verschwinden idealerweise mit dem Ende des Bedarfs. KOSMOS architects fassen diese anonymen technischen Infrastrukturen unter dem Begriff „tectures“: nicht als singuläre Entwürfe mit prominenter Autorenschaft, sondern als gebaute Antworten auf eine konkrete Lage. Das rückt eine alltägliche, oft kollektiv entwickelte Form des Bauens in den Blick.

Schnelligkeit hat Bedingungen

Der Reiz des Vorläufigen liegt in seiner Reaktionsfähigkeit. Eine temporäre Konstruktion muss rasch verfügbar, funktional und auf- wie abbaubar sein; häufig muss sie sich an wechselnde räumliche Bedingungen anpassen. Das ist nicht automatisch gleichbedeutend mit Nachhaltigkeit: Auch Provisorien benötigen Material, Transport und Arbeit. Entscheidend ist deshalb nicht das Temporäre als Etikett, sondern die Frage, wie präzise eine Konstruktion ihren Zweck erfüllt und was nach ihrem Einsatz mit ihren Bestandteilen geschieht.

Hier setzt die Ausstellung ihre größere architektonische Frage an. Nach Darstellung des Architekturzentrum Wien können solche Strukturen als Labor dienen: Sie machen sichtbar, wie Bauen auf kurzfristige Bedürfnisse reagiert und wie sich Zeit, Ressourcen und veränderte Bedingungen in den Entwurf einbeziehen lassen. Für permanente Gebäude wäre daraus nicht einfach die Forderung abzuleiten, ständig provisorisch zu bleiben. Interessant ist vielmehr, ob sie Wandel mitdenken können – etwa durch anpassbare Nutzungen und Konstruktionen, die sich leichter verändern oder zurückbauen lassen.

Was bleibt, wenn das Provisorium verschwindet?

Der Titel „Temporary. Structures of Necessity“ lenkt den Blick auf eine Spannung: Eine Konstruktion kann nur für eine begrenzte Situation gedacht sein und dennoch eine grundlegende Leistung für die Stadt erbringen. Dasselbe gilt für ihre Folgen. Wenn das Provisorium abgebaut wird, bleiben Fragen nach Materialverbrauch, Wiederverwendung und der Organisation des öffentlichen Raums.

Die Ausstellung verspricht damit keinen einfachen Bauplan für die Architektur von morgen. Sie nimmt vielmehr eine Kategorie ernst, die zwischen Planung und Alltag vermittelt: das Bauen aus unmittelbarer Notwendigkeit. Wie weit sich dessen Anpassungsfähigkeit auf dauerhafte Architektur übertragen lässt, wird eine der Fragen sein, mit denen die Schau in Wien beginnt.

Redaktionell geprüft · 3. November 2026

Neu im Magazin

Alle

KI · FRAG DEN ARTIKEL

Fragen?

Fragen stellen oder den Artikel vorlesen lassen · Mikrofon nötig · höchstens 5 Minuten

Ihre Fragen werden nicht gespeichert. KI-Antworten können Fehler enthalten. Es gelten unsere AGB und Datenschutzbestimmungen.