ARCHITEKTUR & DESIGN · PORTRÄT

Adam Szymczyk am Schweizerischen Architekturmuseum: Architektur als Debatte

Seit Januar leitet der Kunstkurator Adam Szymczyk das Schweizerische Architekturmuseum in Basel. Seine erste Ausstellung und ein bevorstehendes Curatorial Lab in Lagos zeigen, worauf er setzt: Architektur nicht nur abzubilden, sondern als politische und räumliche Praxis zu befragen.

Ein Architekturmuseum sammelt nicht unbedingt Häuser. Das Schweizerische Architekturmuseum S AM in Basel besitzt keine klassische Sammlung; es zeigt Architektur in wechselnden Ausstellungen und muss dafür entscheiden, welche Räume, Bilder und Erzählungen sie verständlich machen. Seit Januar 2026 leitet Adam Szymczyk das Haus – ein Kurator, dessen Laufbahn durch Kunstinstitutionen und große Ausstellungsformate geprägt ist. Was ändert sich, wenn ein solcher Blick auf Architektur trifft?

Eine erste Antwort liefert die Ausstellung «Tony Fretton: Practice», die bis zum 3. Januar 2027 im S AM zu sehen ist. Sie richtet den Blick auf ausgewählte Projekte des Londoner Architekten und entstand laut Museum in enger Zusammenarbeit mit ihm. Das ist noch kein programmatischer Umsturz, aber ein klares Feld für Szymczyks zentrale Frage: Wie wird Architektur im Museum nicht bloß dargestellt, sondern als räumliche Erfahrung verhandelt?

Der Raum ist nicht neutral

Im Oktober beschrieb Szymczyk im BauNetz-Interview Ausstellungen als Räume, die Wahrnehmung organisieren: durch Bewegung, Abstand, Transparenz, Material und Atmosphäre. Das klingt zunächst nach einer kuratorischen Selbstverständlichkeit. Im Architekturmuseum wird es jedoch konkret. Modelle, Pläne und Fotografien vermitteln Gebäude stets aus einer bestimmten Perspektive; die Ausstellung entscheidet, was im Maßstab sichtbar wird und was außerhalb des Rahmens bleibt.

Szymczyk kommt aus der zeitgenössischen Kunst. Er leitete von 2003 bis 2014 die Kunsthalle Basel, ko-kuratierte 2008 die 5. Berlin Biennale und war 2017 künstlerischer Leiter der documenta 14 in Athen und Kassel. Seine Erfahrung liegt also darin, Werke und Ideen in öffentliche Zusammenhänge zu setzen. Für das S AM bedeutet das nicht automatisch, Architektur mit Kunst zu vermischen. Im Interview widerspricht er gerade dieser Trennung: Beide Felder hätten eine gemeinsame Kulturgeschichte; wichtiger sei, ihre bereits bestehende Nähe sichtbar zu machen.

Vom Schweizerischen zum Transnationalen

Auch der Name des Hauses wird bei ihm zum Gegenstand. Das S AM sei ein Schweizer Museum, weil es in Basel stehe, aber kein Museum ausschließlich schweizerischer Architektur. Der transnationale Blick, den Szymczyk ankündigt, ist deshalb mehr als eine geografische Erweiterung. Er stellt die Frage, wer Architekturgeschichte schreibt und welche politischen oder kulturellen Verbindungen in einer nationalen Erzählung verschwinden.

Das passt zu einer Institution, deren Geschichte selbst mit einer konkreten baulichen Entscheidung verbunden ist: 1984 wurde das Museum gegründet, um das Domus-Haus in Basel vor dem Abriss zu bewahren. Seit 2004 befindet es sich im Gebäude der Kunsthalle am Steinenberg. Architektur erscheint hier nicht nur als fertiges Objekt, sondern als Streit um Bestand, Nutzung und öffentlichen Wert. Szymczyk betont im Gespräch auch die politische, ökonomische und soziale Geschichte des Museums. Das ist ein Anspruch, an dem sich kommende Ausstellungen messen lassen müssen.

Alltag als Maßstab

Ein konkretes Beispiel für eine solche Öffnung nennt er selbst: die frühere S-AM-Ausstellung zu Schweizer Wohnbaugenossenschaften. Das Thema habe Menschen angesprochen, die nicht regelmäßig Architekturausstellungen besuchten, weil es ihre eigene Wohnrealität berührte. Entscheidend ist dabei nicht allein, ein populäres Thema auszuwählen. Szymczyk spricht von einer politischen Haltung, die sich im Programm über längere Zeit entfalten soll – und von einem Museum, das Debatten ermöglicht, statt Wahrheiten autoritär festzuschreiben.

Ob daraus eine erkennbare neue Linie wird, lässt sich nach wenigen Monaten noch nicht abschließend beurteilen. «Tony Fretton: Practice» ist eine monografische Ausstellung, kein Beleg für einen vollständigen Kurswechsel. Doch Szymczyks Fragen verschieben den Maßstab: Nicht nur, welche Gebäude gezeigt werden, sondern auch, wie Ausstellung und Institution Wissen ordnen.

Die Probe in Lagos

Vom 16. bis 18. November leitet Szymczyk das dreitägige Curatorial Lab der Lagos Biennial. Das Programm will laut Ankündigung überlieferte Ausstellungsmodelle hinterfragen und Museum, Ausstellung und Kanon neu denken. Vorgesehen sind Gespräche, Besuche vor Ort, Präsentationen und Workshops. Das ist keine Architektur-Ausstellung, aber eine Fortsetzung derselben kuratorischen Grundfrage: Wie können Ausstellungen neues Wissen hervorbringen, statt bestehende Geschichten lediglich zu präsentieren?

Basel und Lagos sind dabei keine austauschbaren Stationen. Das Lab findet in einem anderen institutionellen und gesellschaftlichen Kontext statt und richtet sich an Kuratorinnen und Kuratoren am Anfang oder in der Mitte ihrer Laufbahn. Für Szymczyks Arbeit am S AM ist es dennoch ein aufschlussreicher Zusammenhang: Wer über Architektur ausstellt, zeigt nicht nur Gebäude. Er entscheidet auch, welche Erfahrungen als Wissen gelten und wer darin vorkommt. Die eigentliche Veränderung wird sich daran zeigen, ob diese Fragen im Basler Programm dauerhaft Form annehmen – in den Themen, den Räumen und den Menschen, die das Museum erreicht.

Redaktionell geprüft · 3. November 2026

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