BÜHNE · HINTERGRUND

Welche Öffentlichkeit will die Deutsche Oper?

Milo Raus „Der fliegende Holländer“ verbindet Wagner mit deutscher Erinnerungspolitik und den deutsch-israelischen Beziehungen. Die Premiere zeigt, worauf Intendant Aviel Cahn sein Haus ausrichtet: auf eine Oper, die nicht nur aufführt, sondern zur Auseinandersetzung einlädt.

Am 24. Oktober stand an der Deutschen Oper Berlin ein Gespenst auf der Bühne, das älter ist als die Bundesrepublik: Richard Wagners „Fliegender Holländer“, der ruhelose Seemann, dem eine Frau Erlösung verspricht. Milo Rau nimmt die romantische Oper nicht als Flucht aus der Gegenwart, sondern als deren Brennglas. Die Inszenierung verbindet Wagners Antisemitismus und Erlösungsidee mit deutscher Nachkriegsgeschichte und den deutsch-israelischen Beziehungen. So wird ein Klassiker zum Prüfstein für die Frage, welche Öffentlichkeit ein großes Opernhaus heute ansprechen will.

Das ist auch eine programmatische Frage an Aviel Cahn. Mit der Spielzeit 2026/27 hat er die Intendanz übernommen; das Motto „Make Love…“ soll laut Haus Tradition und Gegenwart, Gemeinschaft und künstlerische Erkundung zusammenbringen. Bei Rau wird dieser Anspruch konkret und riskant: Nicht nur die Oper wird gezeigt, auch die historische Last ihrer Musik und die politischen Bilder, die sie aufruft, werden zum Gegenstand.

Ein Klassiker wird zum Schauplatz der Erinnerung

Wagners 1843 uraufgeführte Oper erzählt von einem verfluchten Seemann, der nur durch die Treue Sentas erlöst werden kann. Rau ergänzt die Partitur um einen Prolog und einen Zwischentext vor dem dritten Aufzug, gemeinsam mit Sarah von Schwarze und Shlomi Moto Wagner. Die Deutsche Oper beschreibt den Abend als filmisch erzählte Reise durch die deutsche Kulturgeschichte nach 1945. Der rbb berichtet von einer Verknüpfung mit dem Olympia-Attentat in München und von Schauplätzen in Deutschland, Israel und den besetzten Gebieten. Das sind keine neutralen Kulissen: Sie verschieben die Frage nach Erlösung aus der mythischen Ferne in eine Gegenwart, in der Erinnerungspolitik und Nahostkonflikt aufeinanderstoßen.

Darin liegt die Zumutung – und das Risiko. Wagners Antisemitismus ist nicht bloß eine biografische Fußnote neben einer bedeutenden Partitur. Er gehört zur Rezeptionsgeschichte des Komponisten und zwingt jedes Haus, das sein Werk spielt, zur Auseinandersetzung. Rau setzt die Oper als Denkraum ein, ohne eine bequeme Versöhnung zu versprechen. Der rbb-Bericht beschreibt die Inszenierung zugleich als zugespitzte, stellenweise plakative Konfrontation. Der Konflikt ist damit nicht nur Thema des Abends, sondern auch eine Frage an sein Publikum: Wer darf über Schuld sprechen, und wann wird Erinnerung zur Selbstentlastung?

Zwischen Repertoire und neuer Öffentlichkeit

Cahns Spielzeit stellt diesen politischen Zugriff in einen größeren Rahmen. Das Haus hält am etablierten Opernrepertoire fest und setzt zugleich auf zeitgenössische Werke, die neue Publika erreichen sollen. Im Gespräch mit der Deutschen Oper betont Cahn die Bedeutung der zweiten Spielstätte Tischlerei und eines experimentellen, begleitenden Programms; die neue Sparte Unlimited soll weitere Formate und Begegnungen ermöglichen. Das ist mehr als eine ästhetische Entscheidung: Ein öffentlich finanziertes Opernhaus muss erklären, für wen es da ist und wie es seine Ressourcen über die Aufführung hinaus einsetzt.

„Der fliegende Holländer“ zeigt eine Antwort, aber nicht die ganze. Zu den Vorstellungen nach der Premiere sind Nachgespräche mit Gästen aus Kultur, Politik und öffentlichem Leben angekündigt – unter anderem mit Berliner-Ensemble-Intendant Oliver Reese, der Neuköllner Integrationsbeauftragten Güner Balcı und dem früheren deutschen Botschafter in Israel Steffen Seibert. Die unterschiedlichen Perspektiven können den Abend in ein Gespräch überführen. Ob daraus ein wirklicher Austausch mit einem vielfältigen Publikum entsteht, lässt sich aus dem Programm allein nicht ablesen.

Einladung ist noch keine Teilhabe

Hier verläuft die entscheidende Trennlinie: Eine Bühne kann Konflikte sichtbar machen und Menschen zum Widerspruch einladen. Sie kann aber nicht allein durch ein kontroverses Thema Öffentlichkeit herstellen. Dafür braucht es Zugänge, die über den Kreis der bereits Operninteressierten hinausreichen, und Formate, in denen nicht nur die Institution und ihre prominenten Gäste sprechen. Die Nachgespräche sind ein Anfang; ob sie unterschiedliche Erfahrungen tatsächlich einbeziehen, wird sich erst im Vollzug zeigen.

Cahn erbt ein Haus mit großem Wagner-Repertoire und einer Geschichte, in der Tradition und künstlerische Erneuerung nebeneinanderstehen. Rau macht daraus keine einfache Wahl zwischen Bewahren und Aktualisieren. Seine Inszenierung fragt vielmehr, ob ein Klassiker gerade dann öffentlich relevant wird, wenn er nicht als unantastbares Erbe behandelt wird. Die Antwort der Deutschen Oper ist vorläufig: Sie setzt auf Reibung, auf Gespräch und auf die Hoffnung, dass Oper mehr sein kann als ein Abend im Zuschauerraum. Ob die Öffentlichkeit diese Einladung annimmt, bleibt offen.

Redaktionell geprüft · 26. Oktober 2026

Neu im Magazin

Alle

KI · FRAG DEN ARTIKEL

Fragen?

Fragen stellen oder den Artikel vorlesen lassen · Mikrofon nötig · höchstens 5 Minuten

Ihre Fragen werden nicht gespeichert. KI-Antworten können Fehler enthalten. Es gelten unsere AGB und Datenschutzbestimmungen.