BILDENDE KUNST · VORSCHAU

Sophie Calle: Wer schreibt einem Museum seine Erinnerung?

Zum 30. Geburtstag lädt der Hamburger Bahnhof Sophie Calle ein. Ihre Arbeiten über verschwundene Zeichen und verlassene Räume könnten die Jubiläumserzählung um eine unbequeme Frage erweitern: Wer bestimmt, was bleibt?

Zwölf Fotografien von Berliner Orten, dazu Beschreibungen von Passanten: In Sophie Calles Serie „Die Entfernung“ stehen Bilder neben Erinnerungen an etwas, das nicht mehr da ist. Nach der Wiedervereinigung entfernte DDR-Symbole bilden den Anlass. Die Kamera dokumentiert die verbliebenen Orte; die Worte holen zurück, was ihrem Blick entgeht.

Ein Werk dieser 1996 entstandenen Serie ist der Ausgangspunkt von „Sophie Calle. Is It Better?“, angekündigt ab 13. November im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart in Berlin. Das Museum wird 30 Jahre alt. Ausgerechnet eine Arbeit über das Verschwinden führt damit in seine Jubiläumsausstellung: Was eine Institution bewahrt, lässt sich offenbar nicht von dem trennen, was außerhalb ihrer Mauern verloren geht.

Rückblick ist eine Auswahl

Sam Bardaouil und Lisa Hörstmann kuratieren die Schau mit sechs Werkkomplexen aus drei Jahrzehnten. Fotografie, Text, Installation und Video sind angekündigt. Das ist keine vollständige Werkschau, sondern eine Auswahl, deren Ausgangspunkt bereits im Sammlungszusammenhang des Hauses liegt. Die zeitliche Verbindung ist präzise: „Die Entfernung“ entstand im selben Jahr, in dem der Hamburger Bahnhof als Standort der Nationalgalerie eröffnete.

Calles Verbindung von Bild und Schrift macht Erinnerung nicht einfach anschaulich. Sie lässt auch deren unterschiedliche Voraussetzungen hervortreten. Eine Fotografie kann zeigen, wie ein Ort nach einer Entfernung aussieht. Eine Beschreibung kann benennen, was dort einmal stand – und was davon im Gedächtnis geblieben ist. Beides zusammen ergibt noch keine widerspruchsfreie Geschichte. Gerade darin liegt ein möglicher Gegenakzent zur festlichen Selbsterzählung eines Museums.

Ein Hotel im Gedächtnis des Museums

Mit „Les fantômes d’Orsay“ von 2022 kommt eine weitere Vorgeschichte hinzu. Die raumgreifende Installation verbindet Fundstücke, Fotografien und Texte. Zwischen 1978 und 1981 erkundete Calle das verlassene Hotel im ehemaligen Pariser Bahnhof Gare d’Orsay. Zimmer 501 wurde ihr Rückzugsort. Sie sammelte unter anderem Zimmernummern, Gästekarteien und Überreste von Telefonen: Dinge, die vom Betrieb eines Hotels und den Menschen darin übrig geblieben waren.

Das Musée d’Orsay dokumentiert auch die spätere Veränderung: Wo ihr Zimmer gewesen war, befand sich schließlich ein Aufzug. Aus dem persönlichen Erinnerungsort war ein Teil der Museumsinfrastruktur geworden. 2022 kehrte Calle mit ihrer Arbeit an diesen Ort zurück. In Berlin soll die Installation nun erstmals seit ihrer Entstehung für das Pariser Museum wieder gezeigt werden.

Die Verbindung zum Hamburger Bahnhof reicht damit über das gemeinsame frühere Verkehrsmittel hinaus. Beide Häuser wurden aus Bahnhöfen zu Kunstmuseen. Calles Pariser Arbeit lenkt den Blick jedoch auf eine andere Zeitrechnung: auf die Zwischenräume vor der Institution, auf vorläufige Nutzungen und unscheinbare Hinterlassenschaften. Für Berlin eröffnet sich die Frage, welche Geschichten die offizielle Museumsgeschichte ergänzen könnten. Dass die Ausstellung sie beantwortet, ist damit noch nicht gesagt.

Was künftig bleiben soll

Vom Rückblick zu unterscheiden ist das neue Werk zum Jubiläum. Nach Angaben des Museums entsteht es eigens für diesen Anlass und soll als Schenkung in die Sammlung eingehen. Titel, Material und Inhalt sind in den geprüften Ankündigungen nicht benannt. Es wäre deshalb voreilig, darin bereits einen Kommentar zur Geschichte des Hamburger Bahnhof zu erkennen.

Interessant ist zunächst die institutionelle Konstellation: Das Museum wählt vorhandene Arbeiten aus und nimmt zugleich eine neue in sein künftiges Gedächtnis auf. Calle erhält darin einen dauerhaften Platz. Ob ihre Arbeit die Erzählung des Hauses bestätigt, erweitert oder irritiert, bleibt offen. Genau diese Offenheit könnte dem Jubiläum mehr geben als ein weiteres Erinnerungsstück.

Die Ausstellung beginnt am 13. November 2026, in genau zwei Wochen. Als Ende nennt die aktuelle Museumsseite den 4. April 2027; frühere Ankündigungen hatten den 2. Mai vorgesehen.

Redaktionell geprüft · 30. Oktober 2026

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