LITERATUR · PORTRÄT

Shida Bazyar: Das Dorf als umkämpftes Gedächtnis

In „Die Lücken“ wird ein Dorf zum Speicher deutscher Geschichte – und zum Schauplatz ihrer Verdrängung. Shida Bazyar erzählt von Heimat, Flucht und der Frage, wie weit literarische Erfindung reichen darf.

Ein Dorf kann klein genug sein, dass alle einander kennen – und groß genug, um seine Geschichte zu verstecken. In Shida Bazyars Roman „Die Lücken“ heißt dieser Ort Heimesbach. Über mehrere Generationen hinweg wird er zum Schauplatz von Verfolgung, Flucht und dem Versuch, sich nachträglich eine unschuldige Vergangenheit zu erzählen.

Heimesbach ist erfunden, aber nicht ohne Wirklichkeit: Bazyar hat den Ort an Hermeskeil im Hunsrück angelehnt, wo sie 1988 geboren wurde. Der Roman macht aus der Nähe keine Gleichung. Gerade dieser Abstand gehört zu seiner literarischen Methode – und zu der Verantwortung, die entsteht, wenn eine Autorin historische Gewalt in erfundene Lebensläufe übersetzt.

Ein Ort ist keine neutrale Kulisse

Bazyars Debüt „Nachts ist es leise in Teheran“ (2016) erzählte eine Familiengeschichte zwischen iranischer Revolution, Flucht und deutschem Alltag. „Drei Kameradinnen“ (2021) richtete den Blick auf Freundschaft und Rassismus in der Gegenwart. In „Die Lücken“ führt die Autorin diese Interessen an einem Ort zusammen: Heimat erscheint nicht als festes Gefühl, sondern als Gefüge aus Zugehörigkeit, Ausschluss und Erinnerung.

Der Verlag beschreibt Heimesbach als Gemeinde, die ihre Vergangenheit verschweigt und zugleich Menschen Zuflucht bietet, die vor Krieg fliehen. Das ist die zentrale Spannung des Romans: Ein Ort kann Schutz gewähren und dennoch auf einer Geschichte beruhen, die nicht aufgearbeitet ist. Jüdische Familien verschwinden aus dem sozialen Leben; Täter und Profiteure können sich später als bloße Mitläufer erinnern. Jahrzehnte danach kommen Menschen aus dem Iran in das Dorf, ohne dessen ältere Brüche zu kennen.

Bazyar erzählt nicht eine einzelne Familienbiografie, sondern legt Lebensgeschichten und Zeiten nebeneinander. Der Wechsel der Perspektiven und die übergreifende Stimme einer verstorbenen Erzählerin erlauben dem Roman, durch Jahrzehnte und in die Gedanken verschiedener Figuren zu springen. Das ist keine historische Übersicht im Gewand eines Romans. Es ist eine Erzählform, die sichtbar macht, wie Erinnerung verteilt ist: Wer kann sprechen, wer wird übergangen, und wer erklärt sich selbst zum Unbeteiligten?

Erfinden, ohne Geschichte zu vereinnahmen

In einem Gespräch mit ihrem Verlag hat Bazyar die Frage der Vermittlung ausdrücklich angesprochen: Die Erzählerin solle erkennbar sein, weil in diesem Ort alle auf eigene Weise in die Geschichte verwickelt seien. Auch die Verknüpfung von Fakten und Fiktion verlangt Klarheit. Der Name Heimesbach markiert einen erfundenen Schauplatz; seine erkennbare Nähe zu Hermeskeil verweist auf den Ausgangspunkt, ohne beides gleichzusetzen.

Diese Grenze ist besonders wichtig, wenn historische Opfer und Täter im Roman auftreten. Fiktion kann Lücken nicht nach Belieben schließen und historische Erfahrung nicht als frei verfügbares Material behandeln. Sie kann aber Verbindungen, Alltag und Folgen erzählbar machen, die in einer bloßen Chronik leicht abstrakt blieben. Bazyars Verfahren gewinnt seine Kraft aus der Reibung: Das Dorf ist nicht dokumentarischer Beweis, aber auch keine geschichtsfreie Bühne.

Der Titel benennt dabei mehr als fehlende Informationen. Lücken entstehen, wenn Menschen vertrieben oder ermordet werden; sie entstehen auch, wenn die Zurückgebliebenen das Verschwinden nicht in ihre Erzählung aufnehmen. So wird das Dorfgedächtnis selbst zum Konfliktfeld. Die Frage ist nicht nur, was geschehen ist, sondern wer später bestimmen darf, was davon als gemeinsame Vergangenheit gilt.

Der Anlass: ein weiterer Literaturpreis

Am 7. November 2026 wird Bazyar im Kleinen Haus des Staatstheaters Braunschweig mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis ausgezeichnet. Die Stadt Braunschweig und der Deutschlandfunk vergeben den mit 30.000 Euro dotierten Preis für „Die Lücken“. Bereits am 5. Oktober erhielt der Roman den Deutschen Buchpreis. Die erneute Auszeichnung lenkt den Blick auf ein Buch, das die große Geschichte nicht von oben erzählt, sondern an einem überschaubaren Ort und an den Folgen für seine Bewohnerinnen und Bewohner prüft.

Bazyars Dorf ist weder bloß Heimat noch bloß Anklage. Es ist ein Modell dafür, wie Vergangenheit in Straßen, Häusern und Familien weiterwirkt – auch wenn niemand sie ausdrücklich erzählt. Der Roman behauptet nicht, die fehlenden Stimmen vollständig zurückholen zu können. Er macht vielmehr die Lücke selbst lesbar: als Folge von Gewalt, als Ergebnis des Schweigens und als Aufgabe für die Gegenwart.

Redaktionell geprüft · 28. Oktober 2026

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