Ein Smartphone, das einen Computermonitor abfilmt: In Simona Andriolettis Video „Defence. What do you do with your anger?“ wird die Kamera ein zweites Mal auf fremde Körper gerichtet. Wer schaut hier zu – und aus welcher Entfernung? Das Werk gehört zum kommenden Filmprogramm der Berlinischen Galerie.
Dessen Ankündigung lässt sich mit zwei bevorstehenden Ausstellungen in Basel und Wien zusammenlesen. Die drei Vorhaben setzen dort an, wo der Körper zum medialen Bild, zum künstlichen Gegenüber oder zum Forschungsfeld wird. Dabei geraten auch die Betrachtenden und ihre Wahrnehmung in den Blick.
Berlin: Wer hält die Kamera?
Creamcakes 3hd-Filmprogramm „Beyond Imagining“ eröffnet am 29. Oktober 2026 in der Berlinischen Galerie; im IBB-Videoraum läuft es vom 30. Oktober bis 30. November. Angekündigt sind Arbeiten von Sara Sadik, Simona Andrioletti, Simone C Niquille und Vika Kirchenbauer, auch online bei 3hdTV.
Andrioletti montiert gefundenes Filmmaterial, sogenanntes Found Footage, in dem Menschen sich gegen Bedrängnis wehren. Das erneute Abfilmen mit dem Smartphone wiederholt nach ihrer Beschreibung bewusst den voyeuristischen Blick. Damit steht neben dem dargestellten Leid auch die Position derjenigen zur Debatte, die aufzeichnen, statt einzugreifen. Niquilles „The Fragility of Life“ begleitet eine Hillary-Clinton-Doppelgängerin vor der US-Wahl 2016. Hier führt die körperliche Ähnlichkeit zur Frage, wer über ein zirkulierendes Bild verfügen kann.
Basel: Bildschirme als Körper
Für Özgür Kars „Rock Bottom“ nennt die Herbstankündigung der Kunsthalle Basel den Zeitraum vom 30. Oktober 2026 bis 24. Januar 2027. Seine erste institutionelle Einzelausstellung in der Schweiz soll sich als neue Theaterproduktion über mehrere Räume erstrecken.
Kar behandelt Video als skulpturales Medium: Der Bildschirm ist nicht bloß Träger einer Bildfolge, sondern ein Gegenstand im Raum. Bei „DAWN“ von 2023 erscheinen schwarz-weiße Skelettfiguren auf hohen Bildschirmen; wiederkehrende Szenen verbinden sich zu einer mehrteiligen Klanglandschaft. Die Werkdokumentation benennt Bezüge zum mittelalterlichen Totentanz und zu existenzialistischen Monologen. Für Basel kündigt das Haus neue Figuren sowie ein eigenes Skript und eine eigene Partitur des Künstlers an. Interessant wird, welche Beziehung zwischen den vereinzelten Bildschirmwesen und den Besuchenden entsteht, die sich zwischen ihnen bewegen können.
Wien: Ein Körper ist nicht allein
„Inter Acting Buggy Worlds“ von Mel e Logan eröffnet am 4. November 2026. Vom 5. November bis 7. Januar 2027 ist die Ausstellung in der Sala Terrena der Universitätsgalerie der Angewandten im Wiener Heiligenkreuzerhof zu sehen, Stiege 7, Erdgeschoss.
Ausgangspunkt sind nach Angaben der Universität Körperflüssigkeiten und akustische Aktivierung. Logan versammelt kollaborative Malereien, Videoprojektionen und interaktive Klangskulpturen; beteiligt sind unter anderem Sonja Bäumel, Charlotte Jarvis und Barbis Ruder. Die Ankündigung stellt das Projekt in die Tradition wissenschaftlich angeregter Kunst des frühen 20. Jahrhunderts. Anders als in Berlin steht hier weniger das Bild eines Individuums zur Diskussion als der Körper in seinen mikrobiellen Abhängigkeiten. Ob dabei wissenschaftliche Verfahren nachvollziehbar werden oder vor allem Assoziationen entstehen, bleibt an den Arbeiten zu prüfen.
Darin liegt eine mögliche Stärke dieser Gegenüberstellung: Digitale Ferne und körperliche Nähe wären keine einfachen Gegensätze. Stattdessen ließe sich genauer fragen, welche Beziehung eine Kamera, ein Bildschirm oder ein Klang überhaupt ermöglicht.
Redaktionell geprüft · 25. Oktober 2026


