ARCHITEKTUR & DESIGN · HINTERGRUND

Wie viel Stadt steckt in einem ausgezeichneten Hochhaus?

Am 3. November wird in Frankfurt der Internationale Hochhaus Preis 2026/27 vergeben. Die fünf Finalisten zeigen, woran sich die Qualität eines Turms jenseits seiner Höhe messen lässt: an Bestand, Nutzung und Beziehung zum Stadtraum.

Am 3. November wird in der Frankfurter Paulskirche der Internationale Hochhaus Preis 2026/27 vergeben. Fünf Finalisten aus Brüssel, Curitiba, Guangzhou, Sydney und Singapur stehen für sehr verschiedene Antworten auf eine Frage, die über die Silhouette hinausführt: Wie wird aus einem Turm ein Teil der Stadt – und für wen?

Der Preis vergibt keine Medaille für Höhe allein. Er bewertet zukunftsorientierte Gestaltung, Funktion, technische Innovation, Nachhaltigkeit, Wirtschaftlichkeit und die Einbindung in die Stadt. Die Projekte müssen mindestens 100 Meter hoch sein. Das klingt nach einer breiten Messlatte; entscheidend ist, wie sich ihre Begriffe im Alltag bewähren. Eine begrünte Terrasse ist noch kein öffentlicher Park, und ein gemischt genutztes Haus nicht automatisch ein zugänglicher Ort.

Der Bestand als Entwurfsaufgabe

Am deutlichsten verschiebt ZIN in Brüssel den Blick vom Neubau zum Umbau. Aus den ehemaligen World-Trade-Center-Türmen im Nordviertel wurde ein 129 Meter hoher, gemischt genutzter Stadtbaustein. Die Büros 51N4E und l’AUC entwickelten das Konzept, Jaspers-Eyers Architects begleitete die Weiterentwicklung und Ausführung; Bauherr ist Befimmo. Statt beide Türme vollständig abzubrechen, blieben die Erschließungskerne und fünf Untergeschosse erhalten. Eine neue, dazwischen eingefügte Gebäudescheibe verbindet die Türme.

Das ist mehr als eine Geste des Bewahrens: Bestehende Trag- und Erschließungsstrukturen weiterzuverwenden, kann Bauaufwand und gebundene Ressourcen begrenzen. Wie groß dieser Vorteil im konkreten Fall ausfällt, lässt sich ohne vergleichbare Lebenszyklus- und Emissionsdaten allerdings nicht beziffern. Stadtplanerisch setzt ZIN auf ein anderes Erbe: Das Viertel war als großmaßstäbliches Geschäftsquartier mit Hochhäusern und breiten Verkehrsachsen angelegt. Büros, Wohnungen, Hotel, Handel, Sport und Grünflächen sollen den Turm auch außerhalb der Bürozeiten beleben. Ob daraus ein öffentlicher Gewinn entsteht, hängt nicht nur von der Vielfalt der Nutzungen ab, sondern auch davon, welche Bereiche tatsächlich für alle offen sind.

Gemeinschaft – aber für wen?

Die übrigen Finalisten machen sichtbar, dass „Stadt im Hochhaus“ sehr unterschiedliche Reichweiten haben kann. Der Tencent Tower in Guangzhou, entworfen von Ateliers Jean Nouvel, ordnet um seinen 207 Meter hohen Büroturm Höfe, Treppen, Rampen und begrünte Terrassen an. Cafés, Läden, Ausstellungsräume und eine Kantine sind Teil des Konzepts; Wege führen von Straße und Ufer bis zu einer Galerie unterhalb des Straßenniveaus. Hier wird die Idee der vertikalen Stadt nicht nur über Bürogeschosse, sondern über öffentliche und gemeinschaftliche Räume erzählt. Ihre tatsächliche Zugänglichkeit ist eine Frage des Betriebs, nicht allein des Plans.

One Pearl Bank in Singapur verfolgt einen anderen Ansatz. Die 178 Meter hohen Wohntürme von Serie Architects und Multiply Architects stehen auf dem Grundstück eines früheren Wohnhochhauses. Die Zahl der Wohnungen stieg von 272 auf 774; Gemeinschaftsgärten, Hochbeete, Pools und Spielbereiche liegen vor allem im Haus und zwischen den Türmen. Die Landschaftsgestaltung soll zugleich den Zugang zum angrenzenden Pearl’s Hill City Park stärken. Das Projekt zeigt, wie Dichte mit gemeinschaftlichen Angeboten verbunden werden kann – allerdings primär für die Bewohnerinnen und Bewohner. Gemeinschaftsräume und öffentliche Räume sind nicht dasselbe.

Der Fuß des Turms zählt

Auch die beiden anderen Finalisten stellen die Beziehung zur Umgebung anders her. AGE 360 in Curitiba ist ein 124 Meter hoher Wohnturm von Triptyque und Architects Office. Sein helles Beton-Exoskelett ermöglicht weitgehend stützenfreie Grundrisse; Terrassen, ein begrüntes Zwischengeschoss und Gemeinschaftsbereiche ergänzen die Wohnungen. Doch das Gebäude liegt im wohlhabenden Viertel Ecoville. Seine Begrünung und Aufenthaltsangebote sagen für sich genommen wenig darüber, wie weit das Projekt zur sozialen Durchmischung des Quartiers beiträgt.

In Sydney setzt 88 Walker von Fitzpatrick + Partners den Turm in Beziehung zu einer Feuerwache aus dem 19. Jahrhundert. Der 180 Meter hohe Hotel- und Büroturm kragt ab dem sechsten Geschoss über den historischen Nachbarn aus; ein niedriger Sandsteinsockel vermittelt zwischen den Maßstäben. Der Entwurf bewahrt die Feuerwache als sichtbaren Teil der Stadtgeschichte, ohne den Neubau unsichtbar zu machen. Die Geste des Überspannens ist dabei vor allem eine architektonische Verbindung – nicht automatisch ein Angebot zum öffentlichen Aufenthalt.

Der Vergleich legt eine sinnvolle Rangfolge der Fragen nahe: Was bleibt vom Vorhandenen? Welche Nutzungen kommen zusammen? Wer darf die Räume am Boden und in der Höhe nutzen? Und welche Ressourcen bindet der Bau über seine Lebensdauer? Die Jury nennt Stadteinbindung, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit neben Gestaltung, Funktion und Technik. Damit ist ein Maßstab gesetzt, aber noch keine vollständige Bilanz der sozialen oder ökologischen Folgen.

Ein ausgezeichnetes Hochhaus muss nicht jede Etage öffentlich machen. Es sollte jedoch nachvollziehbar zeigen, wie seine Größe mit dem Quartier vermittelt wird – durch Umbau statt Abriss, einladende Erdgeschosse, gemischte Programme oder einen zugänglicheren Weg ins Grün. Am 3. November wird die Jury eines der fünf Projekte auszeichnen. Die wichtigere Frage reicht über die Preisvergabe hinaus: Ob ein Turm Stadt schafft, entscheidet sich nicht an seiner Krone, sondern daran, was er unten bewahrt, öffnet und dauerhaft ermöglicht.

Redaktionell geprüft · 26. Oktober 2026

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