Am 1. November 2026 begann Lydia Steiers Amtszeit als Intendantin der Ruhrtriennale. Der Wechsel ist vollzogen; das Festival, das sie verantworten wird, liegt noch vor ihr. Ihre erste Ausgabe findet 2027 statt, im 25. Jubiläumsjahr der Ruhrtriennale. Zwischen Amtsbeginn und Eröffnung liegt ein Arbeitsjahr, in dem aus einer künstlerischen Handschrift ein Programm werden muss – und aus einem Programm ein Festival, das mehr ist als eine Folge großer Abende.
Steier kommt aus der Oper, einem Theater der konzentrierten Kräfte: Orchester, Chor, Solistinnen und Solisten, Raum und Licht müssen zusammenfinden. Nun übernimmt sie ein Festival, das Musiktheater, Schauspiel, Tanz und weitere Formen an Spielorten im Ruhrgebiet bündelt. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, was auf die Bühne kommt. Sie lautet auch, für wen diese Räume geöffnet werden und wie die Region darin vorkommt.
Vom Regiepult zur Festivalleitung
Geboren 1978 in Hartford im US-Bundesstaat Connecticut, begann Steier ihre Regiekarriere 2009 am Deutschen Nationaltheater Weimar. Es folgten Arbeiten an Häusern wie der Oper Frankfurt, der Opéra national de Paris und der Staatsoper Unter den Linden. Von 2020 bis 2023 war sie Operndirektorin am Theater Luzern. Für ihre Inszenierung von Karlheinz Stockhausens „Donnerstag aus Licht“ am Theater Basel erhielt sie 2016 besondere Anerkennung; 2024 wurde sie von der Zeitschrift „Opernwelt“ als Regisseurin des Jahres ausgezeichnet.
Ihr Repertoire reicht von klassischer Oper bis zu zeitgenössischen Werken. Eine wiederkehrende Frage in ihren Arbeiten ist, wie ein überliefertes Stück die Gegenwart berührt. Im Gespräch mit der Wiener Staatsoper über ihren „Tannhäuser“ beschrieb Steier das Theater nicht als Ort, an dem sich gesellschaftliche Probleme lösen ließen. Seine Aufgabe sei vielmehr, die Gegenwart kritisch zu befragen. Das ist eine Haltung, die für ein Festival mit historisch aufgeladenen Industrieorten produktiv werden kann: Vergangenheit ist dort nicht bloß Kulisse, sondern Teil des Raums, in dem Gegenwart verhandelt wird.
Große Bilder, offene Türen
Steier hat für ihre erste Ausgabe ein eigenes Musiktheaterprojekt angekündigt: ein bedeutendes Opernwerk des 20. Jahrhunderts, mit großem Orchester und großem Chor in der Jahrhunderthalle Bochum. Außerdem sollen lokale Hip-Hop-Kultur und Urban Dance im Programm vorkommen. Das sind bisher umrissene Vorhaben, noch kein veröffentlichtes Gesamtprogramm. Die konkreten Festivaltermine und das Programm sollen nach Angaben des WDR im April 2027 bekannt werden.
Auch über die Bühne hinaus skizziert Steier eine Öffnung: offene Proben, Einblicke in künstlerische Arbeitsprozesse und ein Festivalzentrum, das nicht nur als Anlaufstelle für Ticketinhaber gedacht ist. Jugendliche aus der Region sollen an Performances mitarbeiten. Solche Angebote können Schwellen abbauen; ob sie ein neues Publikum tatsächlich erreichen, lässt sich allerdings nicht aus einer Ankündigung ableiten. Dafür braucht es Zeit, verlässliche Zusammenarbeit und ein Programm, das die Einladung ernst nimmt.
Die Region als Maßstab
Steier hat dem WDR gesagt, die Ruhrtriennale müsse auch Menschen erreichen, die bislang keine Opernkarten kaufen. Ihr Ziel ist, das Festival als kulturelles Reiseziel über die Region hinaus bekannter zu machen. Der Anspruch ist groß, die Prüfung konkret: Wird das Festival im Ruhrgebiet als Teil des eigenen kulturellen Lebens wahrgenommen – oder bleibt es ein Ereignis, das vor allem ein bereits kundiges Publikum anzieht?
Die Ruhrtriennale ist nicht Steiers erste Begegnung mit der Logik großer Produktionen. Doch Intendanz verlangt eine andere Perspektive als Regie: Sie muss Spielorte, Produktionen, Kooperationen und Zugänge so zusammenfügen, dass daraus ein gemeinsamer Rhythmus entsteht. Was früh entschieden wird, ist daher nicht allein eine Frage des Spielplans. Es geht auch um die Zusammensetzung des Teams, um regionale Partnerschaften und darum, welche Geschichten in welchen Räumen erzählt werden.
Die Berufung war 2025 bekanntgegeben worden; der Amtsantritt am 1. November 2026 markiert nun den Übergang von der designierten zur amtierenden Intendantin. Das erste Festival unter Steiers Leitung beginnt erst 2027. Bis dahin wird sich zeigen, ob ihre Lust an großen Bildern und ihr Versprechen der Öffnung dieselbe Bühne teilen können.
Redaktionell geprüft · 4. November 2026


