BILDENDE KUNST · ESSAY

Arbeit am Körper, Arbeit ohne Lohn

Die Ausstellung „Labouring Bodies“ im Museum Tinguely endet am 8. November. Sie lenkt den Blick von der Fabrik auf Küche, Büro und Körper – dorthin, wo Arbeit oft geleistet, aber selten als solche gesehen wird.

Arbeit hat in der Kunstgeschichte ein vertrautes Gesicht: den Arbeiter an der Maschine, die Fabrikhalle, den rauchenden Schornstein. Dieses Bild ist nicht falsch. Aber es ist unvollständig. Es lässt jene Tätigkeiten leicht aus dem Blick geraten, die Körper erhalten, Kinder großziehen, Räume bewohnbar machen – und meist weder Lohn noch Denkmal erhalten. Die Ausstellung „Labouring Bodies“ im Museum Tinguely setzt genau an dieser blinden Stelle an. Bis zum 8. November versammelt sie historische und zeitgenössische Arbeiten, die Körper, Technologie und Arbeit aus feministischer Perspektive zusammendenken.

Ihre stärkste These lautet: Die Maschine formt nicht nur den Körper in der Fabrik. Auch Küche, Schreibarbeit und Sorge organisieren Bewegung, Zeit und Aufmerksamkeit. Wer Arbeit ausschließlich dort sucht, wo Waren produziert werden, hält einen Teil der gesellschaftlichen Produktion für bloße Natur.

Die Küche ist kein Gegenbild zur Fabrik

In Margaret Raspés Film „Alle Tage wieder – Let Them Swing“ von 1974 wird das Geschirrspülen zur Folge wiederkehrender Handgriffe. Die Künstlerin filmte ihre Alltagsarbeit mit einer selbst entwickelten Kamera am Helm; die Perspektive folgt dem Tun, statt es von außen als häusliche Idylle zu arrangieren. Das Gewöhnliche erscheint dadurch nicht plötzlich heroisch. Es wird präzise: Wasser, Geschirr und Hände bilden einen Arbeitsablauf, der Körper und Aufmerksamkeit bindet.

Helen Chadwicks „In the Kitchen“ von 1977 geht anders vor. In der Performance trugen Chadwick und drei weitere Darstellerinnen Kostüme, die Küchengeräte aufgriffen – Herd, Kühlschrank, Waschmaschine, Spüle. Die Verwandlung ist satirisch, aber nicht harmlos: Der weibliche Körper wird mit den Geräten kurzgeschlossen, als gehöre die Hausarbeit ebenso selbstverständlich zu ihm wie die Schürze zum Haushalt. Chadwick macht diese Zuordnung sichtbar, indem sie sie überzeichnet.

Beide Arbeiten widersprechen einer bequemen Hierarchie: Fabrikarbeit als moderne Produktion, Hausarbeit als private Wiederholung. Die Küche ist kein Gegenort der Ökonomie. Sie ist einer ihrer Voraussetzungen. Mahlzeiten, saubere Kleidung und Fürsorge halten Arbeitskräfte und Familien am Laufen; dass diese Leistungen oft unbezahlt bleiben, macht sie nicht unproduktiv.

Wer zählt – und was als Arbeit gilt?

Die Ausstellung schlägt eine Kunstgeschichte vor, in der nicht allein Maschinen und industrielle Abläufe zählen, sondern auch die Körper, die sie bedienen, ertragen oder außerhalb der Lohnarbeit versorgen. Das ist eine notwendige Korrektur. Sie birgt aber eine Gefahr: Sorgearbeit darf nicht als vermeintlich weibliche Wesensbestimmung neu festgeschrieben werden. Sichtbarkeit allein befreit keine Tätigkeit von ihrer ungleichen Verteilung. Und nicht jede alltägliche Geste wird dadurch automatisch Kunst oder Widerstand.

Auch die Gegenwart liefert keinen Anlass zur Nostalgie. Nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation waren 2023 weltweit 748 Millionen Menschen wegen Sorgeverantwortung nicht am Erwerbsleben beteiligt; 708 Millionen davon waren Frauen. Die Zahl misst nicht jede Stunde unbezahlter Arbeit und erklärt nicht alle Unterschiede zwischen Ländern. Sie zeigt jedoch, wie wenig sich die Trennung von Erwerbs- und Sorgearbeit als private Angelegenheit abtun lässt.

Die Maschine endet nicht am Werkstor

„Labouring Bodies“ erweitert den Blick, ohne die Industriegeschichte abzuschreiben. In den Fotografien Evelyn Richters erscheinen Frauen in Textilfabriken als Arbeitende, deren Körper von Maschinen und Takt geprägt werden. Andere Werke verschieben die Frage in Büro, Geburt und digitale Produktion. So entsteht keine einfache Gegenüberstellung von kalter Technik und warmem Menschlichen: Auch Sorge kann routiniert, erschöpfend und hierarchisch organisiert sein; Technik kann Arbeit erleichtern, aber ebenso Kontrolle verstärken.

Zum Ende der Basler Ausstellung bleibt deshalb weniger eine versöhnliche Botschaft als eine Zumutung an die Wahrnehmung. Wenn eine Kunstgeschichte Arbeit erzählt, muss sie fragen, wer den Körper bewegt, wer ihn versorgt und wer die Zeit dafür aufbringt. Die Fabrik gehört in diese Geschichte. Aber ohne Küche, Pflege und die unscheinbaren Wiederholungen des Alltags bleibt sie eine Geschichte mit fehlendem Fundament.

Redaktionell geprüft · 31. Oktober 2026

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