ARCHITEKTUR & DESIGN · HINTERGRUND

Ein Produktionshaus baut weiter – wer gewinnt welchen Raum?

Am 30. Oktober begann der Umbau Kampnagels: 168 Millionen Euro, zwei Neubauten und ein Spielbetrieb, der weitergehen soll. Doch während Baupläne zusätzliche Flächen versprechen, müssen Künstlerinnen und Künstler zeitweise mit deutlich weniger Räumen auskommen.

Der erste Baggerbiss auf Kampnagel war am 30. Oktober zugleich Baustart und Bühnenbild: Eine künstlerische Intervention rahmte den symbolischen Spatenstich. Dahinter beginnt ein sehr handfester Umbau. Für 168 Millionen Euro soll das denkmalgeschützte Hamburger Areal saniert und erweitert werden – bei laufendem Betrieb. Die entscheidende Frage lautet nicht nur, was gebaut wird, sondern wer währenddessen tatsächlich Platz zum Arbeiten hat.

Weiterbauen statt ersetzen

Kampnagel war Eisenwerk, Maschinenfabrik und ist seit Jahrzehnten ein internationales Produktionshaus für die freien darstellenden Künste. Die Hallen tragen diese Geschichte nicht bloß als industrielle Kulisse: Ihre großen, unterschiedlich nutzbaren Räume ermöglichen Produktionen, die sich nicht ohne Weiteres in ein gewöhnliches Theater übertragen lassen. Für den Entwurf hat die Stadt das Pariser Büro Lacaton & Vassal beauftragt; die städtische Sprinkenhof GmbH verantwortet das Projekt. Hamburg trägt 108 Millionen Euro, der Bund 60 Millionen.

Die Leitidee „Keep. Repair. Add.“ beschreibt eine Architektur des Ergänzens: Bestehende Gebäude sollen erhalten und erneuert, nicht durch einen kompletten Neubau ersetzt werden. Zwei Neubauten erweitern den Bestand. Über den Foyers ist K7 mit Flächen für Proben, Workshops und Ausbildung vorgesehen; hinzu kommt ein Residenzhaus mit 26 Zimmern für internationale Künstlerinnen und Künstler. Sechs Zimmer sollen barrierefrei sein. Auch die Hallen und technischen Bereiche werden saniert, die Nutzbarkeit der Räume soll flexibler werden. Das sind konkrete Gewinne – aber sie kommen nicht gleichzeitig und nicht allen Arbeitsbereichen gleichermaßen zugute.

Die erste Bauphase hat einen Preis

Laut Kampnagels Umbauinformation bleibt während der ersten Phase, von September 2026 bis voraussichtlich Frühjahr 2028, der südliche Gebäudeteil weitgehend Baustelle. Betroffen sind unter anderem die Hallen k1, k2, k4 und kmh sowie p1, Foyer, Kino und Restaurant. Weiter nutzbar bleiben zunächst k6, kx und 6a. Der Betrieb läuft also nicht einfach unverändert weiter: Gerade kleinere und mittlere Spielorte fehlen, und Projekte müssen andere Formate oder Aufführungsorte finden.

Noch deutlicher ist der Einschnitt für Proben. Sie sollen weitgehend an den Kaltenkircher Platz ausgelagert werden, in ein ehemaliges Postgebäude mit Räumen verschiedener Größe. Kampnagels Informationsblatt hält zugleich fest, dass die Möglichkeiten dort begrenzt sind, der Großteil der Räume nicht barrierefrei ist und Flächen – besonders barrierefreie – geteilt werden müssen. Für freie Produktionen ist das keine bloße Frage der Adresse. Probenzeiten, Zugänglichkeit und technische Bedingungen prägen, wer arbeiten kann und wie ein Stück überhaupt entsteht.

Offen bleiben heißt nicht: alles verfügbar

Die zweite Bauphase ist für Sommer 2028 bis Mitte 2029 angesetzt. Dann werden unter anderem k6, Vorhalle und Verwaltung umgebaut; zugleich sollen bereits erneuerte Räume und K7 in Betrieb gehen. In der Übergangszeit zwischen den Phasen, heißt es in der Umbauinformation, können keine Hallen auf dem Gelände bespielt werden. Für die Spielzeit 2029/2030 ist die Rückkehr aller Hallen vorgesehen. Der Spielbetrieb soll in angepasster Form fortgesetzt werden, mit Veranstaltungen auch im Stadtraum und Kooperationen mit anderen Häusern.

„Bei laufendem Betrieb“ klingt nach Kontinuität, beschreibt aber vor allem eine organisatorische Aufgabe. Der Bauherr muss Zugänge, Lärm, Sicherheit und Bauablauf mit dem Programm abstimmen; das Haus muss Produktionen verlagern und Räume neu verteilen. Dass Kampnagel den Wandel selbst künstlerisch begleiten will, kann Öffentlichkeit schaffen. Es ersetzt jedoch keine geeigneten Probenflächen und beantwortet noch nicht, wie konkurrierende Bedarfe entschieden werden.

Die Erweiterung verspricht mehr Raum für Produktion, Aufenthalt und Begegnung. Ob dieser Zugewinn auch bei denjenigen ankommt, die auf bezahlbare, erreichbare und barrierearme Arbeitsbedingungen angewiesen sind, entscheidet sich nicht allein am fertigen Bau. Es entscheidet sich in den Jahren dazwischen – in der Verteilung knapper Räume und darin, ob das Produktionshaus seinen Anspruch auf Offenheit auch unter Baustellenbedingungen praktisch einlösen kann.

Redaktionell geprüft · 31. Oktober 2026

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