Eine Autorin zu hören heißt nicht unbedingt, ihr ein Mikrofon hinzustellen. Bei Wien Modern sollen Elfriede Jelineks Stimme, aufgezeichnete Klavierklänge und live gespielte Musik zusammentreffen. Wer spricht dann: die Schriftstellerin, ihre Figur oder bereits die Komposition? Der Geburtstag wird zum Anlass, über das Hören nachzudenken.
Am 20. Oktober 2026 wurde Jelinek 80 Jahre alt. Wien Modern, vom 30. Oktober bis 30. November, widmet ihr gemeinsam mit dem Musikverein einen Schwerpunkt vom 31. Oktober bis 4. November. Besonders der 3. November verspricht einen Zugang jenseits der Lebenslaufstationen: über Klavier, Stimme, Film und Orgel.
Ein Instrument, zwei Zeiten
Im Großen Saal des Musikvereins wird um 19.30 Uhr „AnTasten_Schatten“ von Marianne Schroeder und Elfriede Jelinek uraufgeführt, ein Auftrag beider Veranstalter. Ausgangspunkt ist Jelineks eigener Flügel, der nach Angaben des Festivals seit drei Jahrzehnten nicht gestimmt worden war. Schroeder verbindet aufgezeichnete Klänge dieses Instruments mit Klavierspiel und Improvisation; auch Jelineks Text und Stimme gehören zum Material.
Ein Orgelprolog, ein Klavierdrama und ein Stimmepilog bilden die angekündigte Anlage. Die Gegenüberstellung von live gespieltem Instrument und Aufnahme wirft eine konkrete Hörfrage auf: Wie antwortet eine Musikerin auf ein aufgezeichnetes Spiel, das seinerseits nicht reagieren kann? Der alte Flügel wäre dann kein biografisches Ausstellungsstück, sondern ein Gegenüber mit einem bereits festgelegten Zeitverlauf.
Bereits um 18.30 Uhr ist im Gläsernen Saal Constantin Wulffs 14-minütiger Film „schatten + flügel“ angesetzt, verbunden mit einem Gespräch des Regisseurs mit Claus Philipp. Er begleitet die Uraufführung, bildet aber ein eigenes Werk: Film und Konzert sind nicht miteinander zu verwechseln.
Wer spricht für wen?
Die literarische Grundlage „Schatten (Eurydike sagt)“ verlagert die Perspektive des Orpheus-Mythos auf Eurydike: Sie ist hier Autorin, er ein gefeierter Sänger. Wer bekommt das Wort, wer wird zum Gegenstand fremder Kunst? Diese Machtfrage steckt bereits in der Wahl der Sprecherin. Sie sollte bei einer musikalischen Bearbeitung nicht hinter einer bloß atmosphärischen Begleitung verschwinden.
Gerade deshalb wäre es zu einfach, Jelineks eigene Stimme als Schlüssel zur einzig richtigen Lesart zu behandeln. Die Person am Mikrofon und das Ich eines Textes sind nicht identisch. Eine Bearbeitung muss zudem entscheiden, wie verständlich die Wörter bleiben, welches Gewicht Pausen erhalten und wie viel Raum die Instrumente beanspruchen. Ob „AnTasten_Schatten“ solche Spannungen hörbar macht, wird erst die Aufführung zeigen. Interessant ist zunächst, dass der angekündigte Aufbau Text, Stimme und Instrument nicht einfach gleichsetzt.
Die Zeit unter den Händen
Um 21.15 Uhr folgt im Großen Saal Angela Metzger mit Orgelwerken von Betsy Jolas, Olivier Messiaen und György Ligeti. Zu hören sein sollen unter anderem Ligetis „Volumina“ und Messiaens „Les yeux dans les roues“ aus dem „Livre d’orgue“. Damit kommt auch Jelineks eigene musikalische Ausbildung ins Spiel: Sie studierte Orgel.
In ihrem Essay „Die Zeit flieht“ erinnert sie sich an eine Aufführung dieses Messiaen-Stücks, bei der ihr das Tempo davonzulaufen schien. Der Text behandelt Musik nicht als wohltuende Hintergrundkunst, sondern als anspruchsvolle Tätigkeit: Zeit muss gegliedert, durch Hände und Füße ausgeführt und gegen die eigene Ungeduld behauptet werden. So bekommt die Rede von der Musikalität ihrer Sprache eine praktische Gegenfrage: Wer bestimmt das Tempo, wer muss ihm folgen?
Das wäre ein Gewinn dieses Jubiläumsprogramms: nicht jede musikalische Entscheidung zur Illustration eines Lebens zu machen. Sondern genauer darauf zu achten, was zwischen geschriebenem Satz, aufgenommener Stimme und gegenwärtigem Spiel geschieht.
Redaktionell geprüft · 25. Oktober 2026


