ARCHITEKTUR & DESIGN · PORTRÄT

Volkwin Marg und die Verantwortung des großen Maßstabs

Volkwin Marg wurde am 15. Oktober 2026 neunzig. Das Porträt fragt, was Verantwortung bedeutet, wenn Architektur nicht allein aus einer Hand entsteht, sondern in einer großen Planungsorganisation: Wer prägt das Werk – und wer trägt es mit?

Am 15. Oktober 2026 wurde Volkwin Marg neunzig. Der Geburtstag ist vorbei; als Anlass bleibt eine Frage, die über die Würdigung eines einzelnen Architekten hinausführt: Was heißt Verantwortung, wenn ein Bauwerk das Ergebnis einer großen Planungsorganisation ist? Wer setzt die Richtung, wer hält dagegen – und wessen Arbeit wird später unter dem Namen des Büros sichtbar?

Marg gründete 1965 mit Meinhard von Gerkan das Hamburger Büro Gerkan, Marg und Partner, kurz gmp. Aus dem gemeinsamen Anfang wurde ein international tätiges Architekturbüro. Das erklärt die Reichweite des Werks, aber noch nicht seine innere Arbeitsteilung. Die ist von außen schwer zu lesen: Ein Projekt trägt den Namen des Büros, während Entwurf, Planung und Realisierung viele Beteiligte verbinden.

Vom Entwurf zur Organisation

Margs Laufbahn führt vom Studium der Architektur in Berlin und Braunschweig zur Bürogründung und in die Lehre: Von 1986 bis 2003 hatte er den Lehrstuhl für Stadtbereichsplanung und Werklehre an der RWTH Aachen inne. Diese Verbindung von Praxis und Hochschularbeit passt zu einem Architekten, der Bauen nicht als isolierte Formübung beschreibt. In einer Gesprächsnachlese des KAP Forums rückte Marg die Einbettung in Stadt und Umgebung ins Zentrum und sprach von Verantwortung gegenüber der Gesellschaft.

Auch die Bandbreite der Projekte macht den Maßstab seiner Arbeit deutlich. Zu den von gmp aufgeführten Bauten gehören das Europäische Patentamt in München, die Neue Messe Leipzig und die Sanierung und Überdachung des Berliner Olympiastadions. In solchen Aufgaben treffen Nutzung, technische Bedingungen, öffentliche Erwartungen und Auftraggeber aufeinander. Der Entwurf muss sich in einem Geflecht bewähren, das keine einzelne Person allein kontrolliert.

Das ist keine Besonderheit gmp’s, sondern eine Grundspannung des Großbaus: Architektur wird oft mit einem Namen verbunden, obwohl Entscheidungen durch Teams und Institutionen laufen. Der öffentliche Ruhm kann sich auf Gründerfiguren konzentrieren; die tatsächliche Arbeit verteilt sich. Wie sich bei einem konkreten Bau die Urheberschaft aufteilt, lässt sich jedoch nicht aus der bloßen Projektliste ablesen.

Verantwortung ist mehr als Haltung

Marg hat die anonyme, vor allem an Verwertung orientierte Bauwelt kritisiert. Seine Forderung nach Verantwortung gewinnt Gewicht, wenn sie nicht nur als persönliche Überzeugung verstanden wird. Sie stellt auch Fragen an die Strukturen, in denen geplant wird: Wer kann im Büro einem Auftrag widersprechen? Wie werden Nutzungsbedarf und langfristige Folgen gegen wirtschaftlichen Druck abgewogen? Und wie wird die Arbeit derjenigen sichtbar, die Entwürfe ausarbeiten und umsetzen?

Die verfügbaren dokumentierten Aussagen geben darauf keine konkrete Antwort. Auch eine unabhängige Perspektive von Projektbeteiligten fehlt. Ein nachholendes Geburtstagsgespräch müsste genau dort ansetzen – nicht, um Marg nachträglich eine Haltung zuzuschreiben, sondern um sie an den Abläufen großer Planung zu prüfen.

Das Werk und die offene Frage

Die offizielle Biografie nennt Marg Gründungspartner; die Bauten firmieren als Werke von gmp. Beide Bezeichnungen sind sachlich, aber sie lösen die Frage nach Autorschaft nicht. Sie markieren vielmehr die Differenz zwischen einer prägenden Person und einer kollektiven Praxis. Der Anspruch, Architektur in den Dienst von Stadt und Gesellschaft zu stellen, lässt sich an gebauten Räumen diskutieren. Wer dafür entscheidet und wer die Folgen trägt, bleibt eine Frage an das Büro ebenso wie an Bauherrschaften und öffentliche Auftraggeber.

Mit neunzig steht Marg für eine lange berufliche Kontinuität und für ein Büro, dessen Arbeit weit über die individuelle Handschrift hinausreicht. Gerade deshalb wäre die angemessene Würdigung keine bloße Parade bekannter Bauten. Sie müsste den großen Maßstab ernst nehmen: als räumliche, organisatorische und öffentliche Verantwortung – und als Arbeit, deren Urheberschaft genauer erzählt werden sollte.

Redaktionell geprüft · 26. Oktober 2026

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