Ein Orchester ist nicht bloß eine Ansammlung von Instrumenten. In ihm stecken überlieferte Klangideale, eingeübte Abläufe und ein vertrautes Verhältnis zwischen Pult, Dirigat und Partitur. Was geschieht, wenn Komponistinnen und Komponisten diese Ordnung nicht abschaffen, sondern von innen verschieben? Zwei Uraufführungen der musica viva in München geben darauf verschiedene Antworten: Michael Reudenbachs „fast dasselbe“ und Clara Iannottas „sand like gold-leaf in smithereens“.
Am Freitag, 30. Oktober, spielen das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und die Geigerin Carolin Widmann im Herkulessaal der Residenz. Franck Ollu dirigiert. Neben den beiden neuen Werken steht Hans Zenders „33 Veränderungen über 33 Veränderungen“ auf dem Programm – eine komponierte Auseinandersetzung mit Beethovens „Diabelli-Variationen“. Der Abend spannt damit einen Bogen von der Gegenwart zurück zu einer älteren Idee musikalischer Weitergabe.
Das Bekannte ist schon da
Reudenbachs Werk trägt den Titel „fast dasselbe“. Seine Musik für Orchester ist ein Kompositionsauftrag der musica viva; die Partitur entstand 2026. Im Programmheft beschreibt der Komponist das Orchester selbst als historisch geprägten, fest gefügten Organismus. Die Frage, wie man sich zu dieser Tradition verhält, betrifft für ihn auch das eigene Material: Für das neue Stück griff er gezielt auf Gedanken aus älteren, abgeschlossenen, unvollständigen oder zurückgezogenen Partituren zurück.
Das ist mehr als ein Blick ins Skizzenbuch. Wenn musikalische Gestalten in ähnlichen Zusammenhängen wiederkehren und sich dabei verändern, wird das Vertraute zum Prüfstein: Was erkennen wir wieder, und wann ist es bereits etwas anderes? Reudenbachs Titel lässt eine solche Verschiebung erwarten. Wie sie sich im Klang und im zeitlichen Verlauf des Stücks entfaltet, lässt sich vor der Uraufführung nicht seriös vorwegnehmen.
Eine Geige mit neuen Bedingungen
Iannotas „sand like gold-leaf in smithereens“ ist ein Konzert für Violine, Orchester und Elektronik, geschrieben für Carolin Widmann. Der BR kündigt ungewohnte Register und dickere Saiten an, die eine Oktave tiefer klingen. Iannotta sagt im Programmheft, diese Saiten hätten nicht nur den Klang, sondern auch die Zeit verändert.
Damit verschiebt sich auch die Rolle des Soloinstruments. Die Geige muss nicht allein als strahlende Stimme vor dem Orchester bestehen: Ihre Klangfarbe und ihr Register werden eigens verändert, während elektronische Klänge hinzukommen. Laut Besetzung übernimmt Zoro Babel die Klangregie. Das macht die technische Zusammenarbeit zu einem Teil der Aufführung – und wirft praktische Fragen auf: Wie werden akustischer und elektronischer Klang aufeinander abgestimmt? Wie bleibt die Geige im Zusammenspiel wahrnehmbar, ohne dass das Orchester bloß Begleitung wird? Die Antworten hängen an Partitur, Technik und gemeinsamer Arbeit; das Konzert ist dafür die erste öffentliche Bewährungsprobe.
Nicht nur spielen, sondern abstimmen
Neue Orchestermusik verlangt nicht automatisch andere Instrumente. Sie kann aber verändern, worauf Musikerinnen und Musiker beim Spielen hören müssen: auf kaum merkliche Unterschiede, besondere Klangfarben, veränderte Spielweisen oder die Balance mit elektronisch erzeugtem Ton. Dafür reicht es nicht, Noten korrekt auszuführen. Dirigat, Ensemble und Klangregie müssen präzise miteinander kommunizieren; zugleich muss eine Partitur in der begrenzten Probenzeit praktisch erarbeitet werden.
Wie viel zusätzliche Abstimmung die beiden Uraufführungen tatsächlich brauchen, ist vor dem Konzert offen. Sicher ist: Sie stellen unterschiedliche Aufgaben. Reudenbach richtet den Blick auf Erinnerung und Fortsetzung innerhalb der Orchestermusik; Iannotta koppelt das traditionelle Solokonzert an veränderte Instrumentalklänge und Elektronik. Dass beides im selben Programm erklingt, macht den Abend zu einem Anlass, nicht nur neue Werke zu erwarten, sondern auch auf die Arbeitsweise des Orchesters zu achten.
Die musica viva des Bayerischen Rundfunks beginnt am 30. Oktober um 20 Uhr; eine Konzerteinführung ist für 18.45 Uhr angekündigt. Neben den beiden Uraufführungen setzt Zenders Beethoven-Bearbeitung einen historischen Resonanzraum. So wird die Frage nach dem Neuen nicht als Bruch mit der Tradition gestellt, sondern als Arbeit an dem, was ein Orchester schon mitbringt.
Redaktionell geprüft · 26. Oktober 2026


